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Dr. T and the Women

USA 2000. R: Robert Altman. B: Anne Rapp. K: Jan Kiesser. S: Geraldine Peroni. M: Lyle Lovett. P: Sandcastle 5. D: Richard Gere, Helen Hunt, Farrah Fawcett, Laura Dern, Liv Tyler u.a.
117 Min. Fox ab 25.1.01

Frauen sind was Wunderbares

Von Jenni Zylka Es ist ja nicht irgendeiner, der diesen Film gemacht hat. Nicht irgendein Hollywood-Heißsporn, der durch Zufall große Namen (Richard Gere, Farrah Fawcett, Helen Hunt, Liv Tyler) für sich gewinnen konnte. Auch kein 08/15-Big-Picture-Experte, der mit schwäbischem Fleiß à la Roland Emmerich Themen zugrundeinszeniert. Es ist immerhin Robert Altman. Der schon sechsmal für den Oscar nominiert war. Der eine goldene Palme bei sich herumstehen hat. Dessen Filme The Player und Short Cuts das eingefahrene Business in Hollywood durchgeschüttelt haben wie einen guten Martini. Darum ist es schon bemerkenswert, daß man bei manchen Szenen von Dr. T and the Women einfach gähnen muß wie bei einem Vortrag zum Thema Familienplanung.

Am Anfang, wenn Altman vor allem das Geschnatter seiner hervorragenden Darstellerinnen zu inszenieren scheint, die Schwestern Peggy (Laura Dern) mit dem immer größer werdenden Champagnerproblem und Kate (Farrah Fawcett) mit dem immer größer werdenden Lattenschuß, scheint der Film noch gutgelaunt an eine Jahr-2000-Variante von George Cukors The Women zu erinnern. Nur, daß ein Mann mitmachen darf: Richard Gere als Dr. T. ›Which kind of doctor is he?‹, wird sein späterer Sidekick Bree (Helen Hunt) im Laufe des Films fragen. Antwort: ›The lucky kind‹ – T ist Gynäkologe. Ein Mann, dem die Frauen vertrauen. Um den sich alles dreht, wie bei einem Schachspiel um den König. Und der sich um alles kümmern muß: Ts geliebte, verwirrte Frau Kate, gespielt von einer bezaubernden, verlorenen Farrah Fawcett, schmeißt nämlich bei einem Shoppingbummel mit ihren beiden erwachsenen Töchtern und ihrer Schwester kurzerhand die Slingpumps und den Designerponcho ab und hüpft nackicht in den künstlichen Brunnen mitten im Einkaufszentrum. Das ist das eine von Dr. Ts Problemen.

Dieser Gedanke und auch dessen Ausführung sind die stärkeren Ideen Altmans: Während Kate sich nackt zum Affen macht, schwenkt die Kamera hoch zur Leuchtreklame des Designerladens, vor dem das Ganze passiert: ›GUESS‹ steht da. Ja, was soll man da bloß denken? Farrah Fawcett jedenfalls spielt die verhuschte Society-Lady, bei der man später, in der Edelklapse, einen so genannten »Hestia-Komplex« diagnostiziert, mit viel rührender Tragik und den typischen Altman-Komik-Elementen: Bei dieser seltenen Krankheit wähnen sich umhegte Frauen plötzlich in einer Art Kindheitsstadium. Also sagt Kate zu dem sorgenvollen Ehemann, als er abends mit dem Vorspiel-Necking-Küßchen beginnen will: 'Das machen wir nicht mehr! Das ist doof!'

Auch Laura Dern, die umwerfende Giraffe unter den Blonden, ist manchmal zum Schießen: Wenn sie mit ihren drei wie rosa Schweineengelchen herausgeputzten Töchtern Plätzchen backt, aber sich ständig zurückzieht, vorgeblich um zu telefonieren. In Wirklichkeit kippt sie dabei Champagner mit einer Verzweiflung, wie es nur Bette Davis mit ihrem Martini konnte.

Aber trotz dieser famosen Damen, neben denen Richard Gere samt Sonnenbräune blaß bleibt, trotz des sympathischen Geschnatters und einiger weniger hübscher Bildideen, schwiemelt sich der Film vor allem am Ende dazu auf, wozu er vom Regisseur von Anfang an geplant war: als die biblische Geschichte Hiobs, der sich plötzlich von einer höheren Macht getestet sah. Was kann Hiob, was kann Dr. T ertragen? Wie sehr liebt er die Frauen wirklich? Und spätestens in einem fast schon sakralen Finale mit Hagelsturm (Bibel!), Selbstzweifel und allem Pipapo verliert sich der Film leider in einen verweichlichten, für Altman viel zu zurückhaltenden, fast feigen Lobgesang auf die amerikanische Familie und die Nächstenliebe. Als ob so etwas nicht schon genug aus Hollywood herübertrompetet würde. 1970-01-01 01:00

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