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Domino

USA 2005. R: Tony Scott. B: Richard Kelly, Steve Barancik. K: Dan Mindel. S: William C. Goldenberg, Tony Ciccone, Christian Wagner. M: Harry Gregson-Williams. P: Domino 17521, Scott Free, Davis. D: Keira Knightley, Mickey Rourke, Edgar Ramirez, Riwan Abessi u.a.
128 Min. Constantin ab 29.12.05

Amélie auf Abwegen

Von Magali Joly This is based on a true story. Grobkörnige, grünlich schimmernde Aufnahmen. Eine adrett gekleidete asiatische FBI-Agentin sitzt einer strubbelig-zerschundenen permanent rauchenden, jungen Frau gegenüber und befragt sie zu ihrer Vergangenheit. In diese Verhörsituation fliegen kaum als Dominosteine zu erkennende Rechtecke mit den Credits durchs Bild. So beginnt der Film Domino von Tony Scott.

Warum der Film so heißt, bleibt unbeantwortet. Auch, warum die Heldin, die es wohl wirklich gegeben hat, so genannt wird. Vielleicht hat es nichts zu bedeuten. Vielleicht soll es aber auf Domina anspielen, womit wir der begabten Hauptdarstellerin schon näher rücken: Keira Knightley – bezaubernd als unnahbare Schöne in Pride & Prejudice, eine bedrohliche Gebieterin hier. Als junger Spund schon jonglierte Domino mit Messern, während ihre Altersgenossen nur faul am Swimmingpool abhingen. In knappen, rauschhaften Rückblenden erfahren wir so einiges von ihrer Jugend: daß sie im Internat in England war (so erklärt sich der britische Akzent), daß sie ein Faible für Goldfische hat (einer ist für die Ewigkeit auf ihren Hals gebannt – wobei es sich bei diesem Exemplar um einen Koi handelt, wie die Asiatin richtig stellt) und, daß sie unendlich gelangweilt vom Leben ist.

Die den gesamten Film charakterisierenden Rückblenden weisen formal wie inhaltlich auffällige Ähnlichkeiten zur Le fabuleux destin d'Amélie Poulain auf. Nicht nur, daß Domino sich schon als Kind ihres ersten dahingeschiedenen Goldfisches entledigen mußte (und ihn klischeehalber die Toilette hinunterspült), nein, Domino glaubt auch noch wie Amélie an Fügung (wenn eine Münze einmal geworfen ist, nimmt das Schicksal seinen Lauf). Bloß so charmant und liebenswürdig wie Amélie ist sie nicht. Im Gegenteil: Domino ist knallhart wie ein echter Kerl. Aus diesem Grund heuert sie auch bei der so aufregenden wie dubiösen Kopfgeldjägerbande »Bounty Hunters« an, die es sich im Namen der Gerechtigkeit zum Ziel gesetzt hat, die Achse des Bösen wieder geradezurücken. Und siehe da, gleich bei ihrem ersten Einsatz kann Domino zeigen, was frau drauf hat: Mit einer spontanen Stripshow wickelt sie das Machovolk um den kleinen Finger. Domino die Domina.

Um ihrem Ziel näherzurücken, setzt der Bounty Hunter-Chef Ed aber nicht nur auf Domino, sondern ebenso auf den südamerikanischen Draufgänger Choco sowie auf Alf , den durchgeknallten Afghanen, dessen kriegsgestörte Kindheit uns ebenfalls in Windeseile und nach bewährter Amélie-Manier vor Augen geführt wird. Die weltklugen Anspielungen in der buntzusammengewürfelten Bounty Hunter-Crew entgehen auch nicht dem möchtegern-coolen Schönling Ian Ziering, der überrascht anmerkt, daß er doch hier nicht für eine politische Show engagiert worden sei! Tatsächlich sind er und der smarte Brian Green nur angeheuert worden, um als Promi-Stars die Bounty Hunters bei ihren nervenaufreibenden Aktionen für eine Reality-Show zu begleiten. Beide, Ziering und Green, entstammen der erfolgreichen Teenieserie der 90er »Beverly Hills 90210«, und so kommt es umso erheiternder daher, daß sie sich selbst spielend als nervöse Feiglinge outen.

Alles in allem entpuppt sich Domino als farbenprächtiges Feuerwerk dunkler Machenschaften, diverse Stilelemente, Genres und Anklänge vereinend. Die Figuren weisen durchgehend starke Charaktere auf – so auch das ruppige Rapperinnen-Trio Lateesha, Lashandra und Lashindra – und am Ende winkt schließlich ein bombastischer Showdown im Stratosphere-Casino in L.A., dem »top of the world«. Insgesamt aber hätten dem Film etwas mehr menschliche Wärme und Gefühl à la Amélie nicht geschadet. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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