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Dolphins

D 2000. R,B,P: Farhad Yawari. K: Thorsten Breuer. S: Horst Reiter. M: Marcel Barsotti. D: Julia Brendler, Marco Hofschneider, Pierre-Sanoussi-Bliss, Anette Kreft u.a.
45 Min. Movienet ab 31.8.00

Phantasieloses Klischee

Von Natalie Lettenewitsch Rettet die Delphine, denn Delphine sind verdammt arme Schweine. Nicht genug, daß die vermeintlich ewig lächelnden »Menschenfreunde« seit Urzeiten als Gallionsfiguren einer organisierten Massenproduktion von esoterisch-ökologisch-linkem Kitsch mißbraucht werden, sie mußten nun auch noch ungefragt einem Machwerk ihren Gattungsnamen leihen, das an himmelschreiender Dämlichkeit kaum zu überbieten ist. Selbst die sonst zynischsten Kritiker scheinen bestochen von den anmutigen Tierchen, die da in ein paar teuren Alibi-Einstellungen durchs Bild schwimmen: In seltener Einigkeit, von Spiegel und Tagesthemen über selig schwärmende Frauenblätter sogar bis hin zur Filmfachpresse, singen sie das Loblied eines Möchtegern-Poeten, der sich erfolgreich mit einer knallharten Marketing-Strategie zum sensiblen Träumer stilisiert hat. Wer hier zurücksteht und nicht in den Chor miteinstimmt, kann fast nur ein kaltherziger Unmensch sein…

Fünf Jahre und ca. fünf Millionen Mark, mehrere Darsteller und verheizte Stabmitglieder hat es gedauert, um ursprünglich als Kameraübung eines ersten HFF-Jahrgangs gedachte 15 Minuten zu (in Kombination mit zwei Kurzfilmen) gerade noch kinozugelassenen 45 Minuten aufzublasen, und sie auf-Teufel-komm-raus auf die große Leinwand zu bringen. Respekt, Respekt (diesmal ernstlich) vor soviel Hartnäckigkeit. Niemand hatte ihn anfangs gebührend unterstützen wollen, den armen Jungen mit der beherzten Vision vom in der Psychiatrie eingekerkerten Mädchen (nicht »irre« natürlich, sondern einfach nur ganz besonders phantasiebegabt und von ihrer Umgebung mißverstanden!), das von Delphinen träumt. Bis der gleichermaßen unverstandene Farhad dann mit einer beispiellosen Kampagne soviel Sponsorenherzen und -gelder gewann, daß er letztere schließlich mit vollen Händen ausgeben konnte – vom Dreh auf den Bahamas bis hin zur aufgemotzten Website, inklusive Quiz rund um die »Legende« von der Entstehung des Films und Luxuskreuzfahrt-Gewinn. Ein fantastisches Märchen, in der Tat.

Nur kann bekanntlich noch soviel Geld ein ärmliches Drehbuch nicht retten; ein Drehbuch, für das »platt« ein noch mildes Adjektiv wäre. Unsägliche Klischees über die Rebellion gegen die Repression, die selbst dann noch sterbenslangweilig bis todärgerlich wären, wäre die Filmgeschichte nicht schon vor Jahrzehnten mit Einer flog über das Kuckucksnest und anderen Psychiatrie- und Heimerziehungsfilmen der 70er soweit (und noch weiter) gewesen. Natürlich die böse, sexuell frustrierte Oberschwester (Anette Kreft), natürlich andererseits der sensible Pfleger (mit Hundeblick: Marco Hofschneider), der die Seiten wechselt. Und drumherum eine vor unfreiwilliger Komik strotzende »Irren«-Komparserie.

Sicher, ein paar schöne Einstellungen von Thorsten Breuer (ihm half vermeintlich nur noch Flucht nach vorne) im Rahmen eines hochdifferenzierten Farbkonzepts – weiß: Klinik, Aufseher, die Bösen eben, blau: Meer, Freiheit, Liebe, tralala. »Konsequenten Stilwillen« nennt man sowas euphemistisch. Sogar der schwarze Müllmann (Pierre Sanoussi-Bliss) trägt blau statt orange, er gehört ja auch zu den Guten, und sein Beruf ist: wahnsinnig romantisch. Genau so romantisch, wie »irre« und dabei zugleich so hübsch zu sein, Julia Brendler leidet im weißen Klinikbett wirklich besonders dekorativ. »Mut zu starken Gefühlen« nennt man sowas euphemistisch.

Klischee als Programm, was ja in Ordnung wäre, gäbe es da irgendeine Art von Reflexion zu spüren: Hier ist mit frappierend unbeleckter Ernsthaftigkeit alles genau das, was es darstellen soll – schon nicht mehr Symbol, allenfalls 30-Tonnen-Gewicht, bis hin zum Goldfisch im Glas für das Eingesperrt sein und der rauschenden Muschel für den Geschmack von Ferne und Freiheit. Ein süßliches Brötchen, zugebuttert mit einem bombastisch orchestrierten Score, der jede Magie im Keim erstickt, die durch die Abwesenheit von Sprache (und weniger aufdringliche Bilder) möglicherweise hätte entstehen können. Die Sprachlosigkeit hat manch einem zum Anlaß gereicht, Farhad Yawari mit Veit Helmer (Tuvalu), seinem Ex-Kommilitonen an der geschmähten Münchner HFF, zu vergleichen: Angesichts völliger Abwesenheit von Raffinesse und Subtilität erscheint das letzterem gegenüber herzlich ungerecht. Ein Plädoyer für die Phantasie soll der weiß-blaue Dolphins sein? Dabei ist er eines ganz besonders: vollkommen phantasielos. 1970-01-01 01:00
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