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Dol – Tal der Trommeln

IRK/F 2006. R,B: Hiner Saleem. K: Andreas Sinanos. S: Dora Mantzoros, Bonita Papastathi. M: Vedat Vildirim, Özgur Akgül, Mehmet Erdem. P: HS Productions. D: Nazmî Kirik, Belçim Bildin, Ciwan Haco u.a.
90 Min. mîtosfilm ab 26.4.07

Die Liebe ist ein Granatapfel

Von Maike Schmidt Die Kamera schwenkt langsam, ruhig über karges, totes Land. Die Sonne verschleiert im Dunst des angehenden Tages, die Bäume verdorrt, die Erde aufgesprungen. Mitten in dieser Ödnis ein Farbklecks, rot leuchtend, mit weiß-silbernem Halbmond geschmückt, die türkische Flagge, auf den kargen Felsen gespannt, groß und unübersehbar. Darunter steht: »Glücklich ist der, der sich Türke nennen darf.« Die Menschen, die hier leben in dem kleinen Dorf Balliova und dies jeden Tag ansehen müssen, sind keine Türken, es sind Kurden, eingekeilt in ihrer Enklave zwischen Iran und Irak. Unwillkommen und täglichen Repressionen ausgesetzt verlieben sich Azad und Nazenin. Ihre Liebe soll gebunden werden, doch das türkische Militär verhindert dies. Azad muß fliehen in ein Land irgendwo zwischen Türkei, Irak und Iran. Seine Flucht wird gekreuzt von anderen Menschen, die ebenso wie er auf der Suche nach einem Zurück sind.

Hiner Saleem erzählt in ruhigem Fluß von Liebe, Angst, Flucht und Hoffnung. Seine Kamera bleibt oft erstarrt ob dem Leid, das seine Figuren erleben. Gewalt und Zerstörung wird (ab)gefilmt, nicht inszeniert, Tränen werden eingefangen, ohne Kommentar. Lieder werden gesungen, die alte Sagen erzählen und immanent bleiben in der Kultur dieses Volkes. Alles steht für sich. Die Kraft seiner Bilder zieht er aus dieser, ihrer Ruhe. Die Landschaft bleibt Hintergrund; immer vorne werden die Figuren platziert, nahe der unbeweglichen Kamera, ohne viele Worte zeigt sich so menschliches Chaos.

Da ist Ceto, der in Frankreich lebt und eine Französin zur Freundin hat, kaum mehr versteht, was in seinem Land passiert und schnell wieder weg will. Seine Schwester liegt in einem Massengrab, ihre Überreste werden zusammengesucht, dann schnell wieder Richtung goldenes Europa. Da ist Jekal, deren Familie ermordet und die selbst als Objekt in der iranischen Armee herumgereicht wurde. Nun findet sie einen Mann, doch seine Familie will keine Hure unter sich. Und da ist Azad, verwirrt und wartend an der Grenze zum Nirgendwo. Saleem läßt das Warten zum unerträglichen Leid stilisieren und nimmt seinem Protagonisten auf den Weg zurück in sein Dorf. Dort warten die Türken und nur die Musik kann am Schluß Hoffnung über das Schicksal der beiden Liebenden geben.

Dies ist ein kurdischer Film. Dokument eines verlorenen Volkes, das auf der Suche nach einem Platz in dieser Welt, sich selbst wiederfinden muß. Gehalten wird dies als Fabel. Eine alte Geschichte, die, sich hundertfach wiederholend, elementar für die Kurden ist. »Was ist Liebe?«, wird einmal gefragt. »Die Liebe ist ein Granatapfel. Mit seinen tausend kleinen Körnern. Ich liebe Dich so sehr, wie die Zahl der Körner in einem Granatapfel.« Davon erzählt dieser Film, von tausendfacher Liebe, von tausendfachem Leid – ein Korn aus einem Granatapfel. 1970-01-01 01:00
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