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Die Liebe in mir

Reign over me. USA 2007. R,B: Mike Binder. K: Russ T. Alsobrook. S: Steve Edwards, Jeremy Roush. M: Rolfe Kent. P: 3 Art Entertainment, GH Three u.a. D: Adam Sandler, Don Cheadle, Jada Pinkett Smith, Liv Tyler u.a.
124 Min. Sony ab 16.8.07

Die Welt als Sackgasse

Von Sascha Ormanns Erinnern Sie sich noch daran, was Sie vor zwei Wochen gemacht haben? Wie viele Menschen werden Sie diese Frage ganz ohne Denkanstrengung wohl nicht beantworten können, wenn überhaupt. Noch ein Versuch – tauschen wir doch einfach das Datum aus: Was haben Sie am 11.09.2001 gemacht? Vermutlich fällt die Beantwortung dieser Frage etwas leichter. Der 11. September 2001 ist einer dieser Tage, die sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben – ein Großteil der Menschen weiß noch genau, wo er war, als er von den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York erfahren hat. Wohl nicht viele Tage haben die (westliche) Welt so traumatisiert wie der 11. September. Kein anderes Ereignis war in den Medien präsenter als dieses.

Die Liebe in mir setzt sich mit dem Trauma dieses Tages auseinander, handelt aber nicht wie Oliver Stones World Trade Center von den direkten Opfern, der Film ist ein melancholisches, an manchen Stellen auch komisches, von Mike Binder inszeniertes Drama mit Adam Sandler und Don Cheadle in den Hauptrollen. Adam Sandlers Figur Charlie Fineman verlor bei den Anschlägen vom 11. September 2001 seine Frau und drei Kinder, seitdem lebt er zurückgezogen in seiner eigenen – an Autismus grenzenden – Welt. Der Film setzt sich mit dem Prozeß des Trauerns und mit der dafür quintessenziellen Freundschaft auseinander. Mike Binder zeigt, daß Trauer nicht unbedingt mit Tränen einhergehen muß, sondern auch andere Formen annehmen kann.

Seit Paul Thomas Andersons Punch-Drunk Love weiß man, daß Adam Sandler auch in ernsthaften Filmen funktionieren kann – er beweist es allerdings nur selten. Stephen Frears hat einmal gesagt, daß es zu großen Teilen auf die Besetzung eines Films ankommt, man könne, wenn man den richtigen Cast gefunden hat, kaum noch etwas falsch machen. Und Adam Sandler hier zu besetzen war ein vielleicht unorthodoxer – aber nichtsdestotrotz kluger – Schachzug Binders. Adam Sandler interpretiert die Rolle des trauernden Kollateral-Opfers überraschend glaubhaft – dem Film kommt dabei noch kulminierend zugute, daß der Kontrast zwischen der Erwartungshaltung des Zuschauers an eine Sandlerfigur (nämlich die des pubertären Kindwitzigmanns) und dem dann in Die Liebe in mir agierenden Sandler einen exorbitanten Unterschied aufweist. Natürlich sind auch in Binders neuem Film klassische Adam Sandler-Szenen zu finden, dann nämlich, wenn Charlie Fineman sich in Wutausbrüchen übt: Irgendwie scheint es so, als wäre vertraglich geregelt, daß Adam Sandler mindestens einmal pro Film seiner Wut freien Lauf lassen darf. Und wohl niemals wird Sandler eine Qualität wie Don Cheadle erreichen, der hier solide – nichtsdestotrotz unterfordert – aufspielt.

Aber nicht nur die Besetzung macht Die Liebe in mir zu einem wirklich guten Film, ein durchdachtes Drehbuch, eine gute Regieleistung und nicht zuletzt die Kamera machen den Film zu einem gelungenen Kinoerlebnis. Kameramann Russ Alsobrook fotographiert Charlie Fineman in wunderschönen Totalen, wie er – mit seinem kleinen Steh-Motor-Roller – durch ein leeres, nächtliches New York fährt, und drückt damit die Einsamkeit (aber auch Hilflosigkeit) des Protagonisten aus: Charlie trägt dabei Kopfhörer; das und die Bilder leerer Straßen verdeutlichen die Abgeschiedenheit Charlies.

Das Drehbuch ist vor allem darum stark, weil es für die Trauer keine einfache Lösung parat hält, wie es in Filmen sonst des öfteren vorkommt. Mike Binder läßt Sandlers Figur nicht in Tränen ausbrechen und Charlies Freunde helfen, statt dessen ignoriert Fineman jegliche Hilfe – er vermutet hinter den Hilfeversuchen nur noch mehr Verletzung: Als Fineman dann zum Schluß doch noch weinen darf, gibt Adam Sandler seiner Figur eine (un)angenehme Tiefe, ein realistisches Empfinden einer trauernden Person, die den Verlust – auch nach über fünf Jahren – noch nicht verarbeitet hat. Und all das zeigt Binder ungeschönt und in genau richtiger Länge: Man kann einen solchen Verlust eben nicht auf die Schnelle verarbeiten. 1970-01-01 01:00
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