— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Dickie Roberts: Kinderstar

Dickie Roberts: Former Child Star. USA 2003. R: Sam Wiseman. B: David Spade, Fred Wolf. K: Thomas E. Ackerman. S: Roger Bondelli. D: David Spade, Mary McCormack, Jon Lovitz u.a.
98 Min. UIP ab 29.7.04

Ödipus und die Schlampen

Von Matthias Grimm Als Kind war Dickie Roberts der Star einer TV-Sitcom. Nun ist er erwachsen, und die Zeiten des Glamours und der kreischenden Fans sind vorbei. Während Dickie erfolgreich einen Comeback-Versuch nach dem anderen vermasselt, stellt er fest, daß alles keinen Sinn hat: Sein Leben ist verkorkst. Schuld daran ist die Kindheit, die er nie gehabt hat. Daher nistet er sich vorübergehend bei einer normalen amerikanischen Familie als Adoptivsohn ein, um all das nachzuholen, was er verpaßt hat.

Interessanter als die belanglose Geschichte, die größtenteils blöden Gags und die immerhin beachtliche Zahl an Gaststars in Cameo-Auftritten, ist die Art und Weise, mit der Dickie Roberts: Kinderstar die ödipale Konfliktbewältigung als Initiation männlicher Identität affirmiert. Dickie Roberts, so ist auf den ersten Blick ersichtlich, ist die Rückführung eines Asozialen in den Schoß amerikanisch-bürgerlicher Werte, sprich: der Familie. In diesem Sinne ward Dickie zwar bereits mit drei Jahren zum Manne, indem er begann Bier zu trinken, Geld zu verdienen und Frauen abzuschleppen, alles männlich besetzte Handlungsmuster also, aber, so erklärt der Film vordergründig, der Verlust der Kindheit durch die Mannwerdung ließ Dickie nicht zum Mann, sondern lediglich erwachsen werden; zum Un-Mann, der eigentlich noch Kind ist, ohne es je gewesen zu sein. Die Aufhebung dieses paradoxen Zustandes und das Herstellen der »Normalität« kann nur durch die wiederholte oder erstmalige rituelle Durchführung der für die Männlichkeit unverzichtbaren ödipalen Initiation geschehen. »Normalität« heißt in diesem Fall auch, die gesellschaftlich festgeschriebenen Attribute dieser anderen Sorte von »Un-Mann« abzulegen: des Homosexuellen. So ist Dickie Roberts eine männliche Initiation in doppelter Hinsicht: der ödipalen Mannwerdung durch die Ermordung des Vaters, und gleichzeitig die heterosexuelle Mannwerdung durch die Ermordung des kleinen Schwulen in sich.

Der Zustand Mann, den Dickie Roberts offensichtlich propagiert, ist der von Ehemann und Versorger der Familie. Um diesen Schritt zu leisten muß das Kind, das zwar erwachsen, aber nicht zum Mann wurde, erst einmal zum Kind werden. In diesem Sinne lernt Dickie von den Kindern, was es heißt zu spielen und von der Mutter geliebt zu werden. Typischerweise lernt dabei nicht nur Dickie von der Familie, sondern vor allem die Familie von Dickie, aber die Werte, die diese absorbiert, sind kurioserweise die der vermeintlich männlichen Ellbogengesellschaft: Durchsetzungs- und Behauptungswille. Der moderne Mann, das ist bemerkenswert, ist keiner mehr, der für die Frau einsteht und sie beschützt, sondern einer, der die Frau lehrt, dies selbst zu tun. Dieses geschieht vermutlich in der bereits antizipierten Eliminierung der Vaterfigur. Das ist nämlich das Faszinierendste an Dickie Roberts, daß er die inzestuöse Beziehung zur Mutter nicht nur symbolisch, sondern explizit vorführt, daß der Vater in der Tat zwar nicht ermordet, aber immerhin als unzulänglich entlassen wird und Dickie, das Kind, in dem Wunsch, ihn zu ersetzen, nicht zum Kind, wie ursprünglich geplant, sondern endgültig zum Mann reift. Daß die Liebesgeschichte von Dickie Roberts in hohem Maße eine tabuisierte ist, zeigt sich insbesondere daran, daß sie nicht als Liebesgeschichte, sondern ausschließlich als Happy-End inszeniert ist, und ansonsten infantilen Humor zur Kompensation ödipaler Komplexe vorschiebt. Überraschenderweise nicht, wie in den letzten Saturday Night Live-Komödien, durch fetischistische Kotz- und Fäkalgags, welche das angetastete Tabu in unbedenkliche Regionen verschieben und dadurch maskieren, nein, Dickie Roberts ist vor allem eines: erstaunlich bieder. Das zeigt sich insbesondere auch an dem Konzept von Weiblichkeit, das der Film, analog zu den Un-Männern, an Modellen der Un-Frauen durchdekliniert: den »Schlampen«, die sich als Objekt männlicher Schaulust anbieten und dadurch, daß sie konsequent von der Narration dafür bestraft werden, das eigentliche Tabu des amerikanischen Kinos offenlegen: Sexualität. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap