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Devot

D 2002. R,B: Igor Zaritzki. K: Guntram Franke. S: Philipp Stahl. M: Eike Hosenfeld, Moritz Denis. P: Reflex Film, Filmkollektiv. D: Annett Renneberg, Simon Böer, Tomek Piotrowski.
92 Min. Academyfilms ab 18.11.04

Wahrheit und Lüge

Von Frank Brenner »Glaubst Du an Schicksal oder an Zufall«, fragt der Mann das Mädchen, das er mit seinem Auto auf einer Brücke aufgepickt hat. Sie entscheidet sich für Zufall, doch der Zuschauer glaubt, es besser zu wissen. Er hat gesehen, wie sie zwei Steine von der Brücke ins Wasser kickte und Anstalten machte, selbst hinterher zu springen, als das Auto anhielt und der Mann sie ansprach. Anja kommt mit dem Mann nach Hause, gibt sich als Prostituierte aus, weil er es in ihr zu vermuten scheint. Die beiden haben Sex miteinander, nachdem sich ihre Rollenverteilung immer wieder geändert hatte. Und nach dem Sex ist nichts mehr wie vorher, die Grenzen zwischen Tatsachen und Phantasie, zwischen Wahrheit und Lüge beginnen sich zunehmend zu verwischen – wird Anja ein Opfer oder ist sie am Ende gar selbst die Täterin?

Igor Zaritzki ist mit seinem Regiedebüt ein Wagnis eingegangen, das sich nur wenige etablierte Regisseure am Höhepunkt ihrer Karriere erlauben. Sein Film kommt über die gesamte Spielzeit mit zwei Personen aus und spielt zu einem Großteil in einer einzigen Wohnung. Es geht Zaritzki um die Auslotung seiner beiden Figuren, um die Deklination ihrer gegenseitigen Abhängigkeiten und ihrer Beziehung im Generellen. Er bedient sich dabei gelegentlich auch bei den aus dem Genre des Psychohorrors bekannten Ingredienzien, was er durch einen effektvollen Schnitt und eine gelungene Spannungsdramaturgie auch wirkungsvoll auskosten kann. Der in erster Linie auf das Funktionieren der Dialoge und die glaubhafte Darstellung seiner beiden einzigen Figuren angewiesene Film schlägt sich entgegen erster Bedenken recht gut. Vor allem Annett Renneberg gelingt es, ihre Anja stets mit neuen, scheinbar unergründlichen Facetten auszustatten und somit den Film in einer spannenden Mysteriosität zu halten. Simon Böer fällt es dabei sichtlich schwer, gegen Rennebergs Intensität bestehen zu können.

Dennoch muß man Zaritzki zu Gute halten, daß er mit äußerst bescheidenen Mitteln eine ansehnliche Spannung aufzubauen versteht und beständig am Köcheln hält, da man durch die verschiedenen Wendungen nie das Interesse an der ungewöhnlichen Handlung verliert. Die kammerspielartige Atmosphäre erinnert stellenweise an die Ariel-Dorfman-Verfilmung Der Tod und das Mädchen von Roman Polanski, und es ist ein weiterer Vorteil des Films, daß er auf weite Strecken so überhaupt nichts Deutsches an sich hat. 1970-01-01 01:00
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