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Deutschland. Ein Sommermärchen

D 2006. R,K: Sönke Wortmann. K: Frank Griebe. S: Melanie Singer, Christian von Lüpke. M: Marcel Barsotti. P: Little Shark Entertainment, WDR. D: Jens Lehmann, Christoph Metzelder, Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski, Jürgen Klinsmann u.a.
108 Min. Kinowelt ab 5.10.06

Klassenfahrt

Von Thomas Warnecke Der Sommerhit als Kino – gut, daß das noch geklappt hat mit der Leinwandauswertung. Das Schöne an Fußball ist ja, daß nichts anderes mehr zählt, daß »auf'm Platz« nicht nur »entscheidend« ist, sondern schlichtweg alles.

Paradoxerweise profitiert davon mit Deutschland. Ein Sommermärchen ein Film, der kaum auf, sondern hauptsächlich neben dem Platz spielt: Die auf wenige Highlights beschränkten Zusammenfassungen der Spiele sind nicht nur, weil sie wohl aus Fifafernsehmaterial zusammengesetzt sind, wenig sehenswert, sondern auch, weil sie von der bräsigen Musikuntermalung ausgebremst werden – ein wenig erinnert das Sounddesign an Höllentour und paßt deshalb nicht ganz: Radsport ist episch, Fußball aber dramatisch. Trainingscamp, Teambus, Mannschaftshotel und Kabine heißen die Nebenschauplätze, die, weil dem Auge des gewöhnlichen Sterblichen unzugänglich, das Hauptinteresse des Films aus- und die Spiele der deutschen Nationalelf fast zur Nebensache machen (und eine ebenso vielzitierte wie schon deshalb blöde Phrase von dem, was eigentlich das Ziel sei, drängt sich auf).

Die geglücktesten Momente der Dokumentation, etwa wenn Klose bei der Friseuse sitzt oder Frings zu spät zur Bundeskanzlerin kommt, liefern aus der beneidenswerten Perspektive des »Embedded Journalist« Sönke Wortmann die ergänzenden Belege, warum diese Mannschaft so unglaublich sympathisch und mitreißend war und wen oder was wir, oder zumindest doch ein großer Teil von uns, diesen Sommer außer uns selbst gefeiert haben. Zwar bemühen sich Wortmann und seine Editoren um Dramaturgie und größtmögliche Geschlossenheit und begehen deswegen auch ihren größten Fehler, nämlich mit der bodenlosen Traurigkeit nach dem verlorenen Halbfinale zu beginnen, doch es genügt vollkommen, daß eine Kamera dabeigewesen ist. Selbstverständlich muß Dokumentarisches inszeniert, müssen etwa Schweinis und Poldis erwartungsgemäße Faxen dosiert werden und braucht es einen Blick für die angenehme Formlosigkeit, die sich durch alle Motivationsrituale und Trainingsabläufe bis hin zu den Soldatenreihen und Jubelmassen vorm Hotel zieht, aber wenn Klinsmann seine Stimme erhebt, dann ist tatsächlich schon in der Kabine Fußball und geht es also um alles bzw. gegen z.B. »Polen« – und muß die Kamera einfach möglichst stillhalten, was sie bzw. Wortmann dann auch ganz bescheiden tut.

Wahlweise Neid auf oder Ärger über Wortmann steigt bei dem Gedanken daran, daß er vermutlich noch jede Menge lustiger und dramatischer Augenblicke aufgenommen hat und dem Zuschauer vorenthält, aber letztlich befördert neben den Unvollkommenheiten dieses Films auch die Zurückhaltung des Regisseurs die Erinnerung an die Weltmeisterschaft als permanente Imagination großer Kinomomente im Kopf – nicht zuletzt das kaum lesbare Geschreibsel auf Lehmanns Zettel läßt genug Platz, auch in Zukunft anhand neuzusammengestellten und selbstverständlich »bisher unveröffentlichten« und womöglich »erstmals in Farbe« gezeigten Bildmaterials an den Fußballsommer 2006 zurückzudenken. 1970-01-01 01:00
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