Der Reflektor
Von Frank Brenner
Er ist der Vater des Dekonstruktivismus. Nach rund 40 Jahren und noch mehr Buchveröffentlichungen zählt er zu den bedeutendsten und international gleichermaßen geschätzten wie umstrittenen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Die Filmemacher Kirby Dick und Amy Ziering Kofman haben es sich zur Aufgabe gemacht, dem französischen Denker Jacques Derrida ein filmisches Porträt zu widmen. Dazu haben sie den Philosophen in seinen Wohnungen in Paris und New York besucht, ihn auf seinen Vortragsreisen begleitet und somit über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg Material zusammengetragen.
Wie sich herausstellte ist es gar nicht so einfach, einen Dokumentarfilm über einen Mann zu drehen, dessen Schriften häufig auch um Medientheorie kreisen und der das vermeintliche »cinéma vérité« immer wieder aufs Neue als Illusion bloßstellt. Es ist nichts Natürliches am Natürlichen. Noch bevor er die abwechselnd auf französisch und englisch an ihn gerichteten Fragen beantwortet, wird Derrida nicht müde, die Künstlichkeit der Szene anzuprangern, die vorgeben will, ach so unverfälscht zu sein. Wenn dann auch noch bei der Aufnahme der Scheinwerfer (engl. reflector) versagt und die Szene wiederholt werden muß, ist Derrida in seinem Element: Wie könne er denn da über die Frage reflektieren, wenn ihn der »reflector« aus dem Konzept bringe.
Ansonsten pflichtet Derrida Heidegger bei, der die Ansicht vertrat, daß es genüge, über einen Philosophen zu wissen, daß er geboren wurde, dachte und starb. Als ob sie diesen Standpunkt ad absurdum führen wollten, zeigen Dick und Kofman den Philosophie-Star in den alltäglichsten Situationen: Wir erleben, wie er sein Frühstücksbrötchen mit Butter und Honig bestreicht, sehen ihn beim Überqueren einer vielbefahrenen New Yorker Straße und werden Zeuge, wie ihn seine Frau beim Verlassen der Wohnung daran erinnert, den Schlüssel nicht zu vergessen. Derrida kann in seinen Theorien zu Film mit diesem Porträt eigentlich nur bestätigt werden: Was wir über ihn zu erfahren glauben, hat mit der Realität wohl reichlich wenig zu tun. Nichtsdestotrotz hat der Film seine Ziele erreicht: Es gelingt ihm, seinen Zuschauern das Denken eines der bedeutendsten Philosophen unserer Zeit näherzubringen, und er schafft es darüberhinaus, dies auf eine äußerst sympathische, humorvolle und dem trockenen Thema entgegengesetzte Weise zu tun.
1970-01-01 01:00