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Der Traum

Drømmen. DK/GB 2005. R,B: Niels Arden Oplev. B: Stehen Bille. K: Lars Vestergaard. S: Søren B. Ebbe. M: Jacob Groth. P: Sisse Graum Jørgensen. D: Bent Mejding, Janus Dissing Rathke, Anders W. Berthelsen, Jens Jørn Spottag u.a.
105 Min. Arsenal ab 24.5.07

King and I

Von Patrick Hilpisch Seit 1982 ist im dänischen Filmförderungsgesetz festgeschrieben, daß 25 Prozent der Förderungsmittel für Kinder- oder Jugendfilme eingesetzt werden müssen. Dies hat nicht nur zu einem Anstieg der einschlägigen Produktion geführt, sondern verdeutlicht vielmehr, welchen Stellenwert das Medium Film dort in kultureller und erziehungspolitischer Hinsicht einnimmt. So unterschiedlich die einzelnen Filme in Bezug auf ihr Genre und ihre Qualität auch sein mögen – das Spektrum reicht von Teenie-Komödien wie Kærlighed ved første hik (1999) über Dramen wie Omfavn mig måne (2002) bis hin zum ersten dänischen 3D-Animationsfilm Terkel i knibe (2004) – im Kern zeichnen sie sich stets durch eine Auseinandersetzung mit den Problemen Heranwachsender auf Augenhöhe aus. Sei es der Kampf um Individualität und Selbstbestimmung oder die Beschäftigung mit generellen gesellschaftlichen Problemen aus kindlicher bzw. jugendlicher Perspektive.

Mit Der Traum hat Regisseur Niels Arden Oplev nun einen weiteren (Kinder-)Film geschaffen, der den Selbstermächtigungsprozeß eines jungen Heranwachsenden darstellt. Von eigenen Erfahrungen inspiriert, hat er die Handlung in das Jahr 1969 verlegt: In dem kleinen dänischen Dorf, in dem der 13jährige Frits mit seinem Vater, seiner Mutter und zwei kleinen Schwestern lebt, ist vom gesellschaftlichen Umbruch noch wenig zu spüren. Die Protestmärsche gegen den Vietnamkrieg, Rock'n'Roll und Blumenkinder sind weit entfernt – bis ein gebrauchter Fernseher für Frits das »Tor zur Welt« öffnet. Hier erfährt der Junge über die Rassendiskriminierungen in den USA und den Widerstand der Bürgerrechtsbewegung.

Beflügelt von der »I have a dream«-Rede Martin Luther Kings setzt er sich fortan gegen ein ihn unterdrückendes System und für sein Recht auf Selbstbestimmung ein. Denn nach dem Wechsel auf eine neue Schule sieht er sich dem autoritären und prügelstrafenden Direktor Lindum Svendsen gegenüber, der gradlinig seine seit 25 Jahren etablierte Gangart weiterverfolgt. Als dieser Frits nach einem »Vorfall« dermaßen züchtigt, daß er medizinisch versorgt werden muß, will der Junge dafür sorgen, daß Svendsen seinen Stuhl räumen muß. Unterstützung erfährt Frits zunächst nur vom neuen Lehrer Freddie Svale, einem idealistischen »Hippie-Lehrer«, der das Schulsystem reformieren will. Dieser wird zu einer Art Vaterersatz und Vorbild, da Frits' leiblicher Vater, durch einen Nervenzusammenbruch geschwächt, dem Jungen keine entsprechende Hilfe leisten kann.

Niels Arden Oplevs Film zeigt mal in ruhigen und eindringlichen, mal in drastischen Bildern den Kampf eines Heranwachsenden um die eigene Stimme und Identität. Dabei erweist sich das »Runterbrechen« der Ideale und Ziele der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung auf den Mikrokosmos Schule als durchaus passend und effektiv. Der Traum kommuniziert, daß es sich lohnt, für die richtige Sache auch mal gegen den Strom zu schwimmen, und deckt auf einer für Kinder und Jugendliche verständlichen Ebene die Mechanismen und Machtbeziehungen der Erwachsenenwelt auf. Daß sich bei diesem Transfer einige Stereotypisierungen und Vereinfachungen einschleichen, ist zum einen verständlich und größtenteils entschuldbar. Einzig die letztendliche Auflösung des Konflikts und das naiv-einvernehmliche Familien-Idyll in der letzten Einstellung schießen ein wenig über das Ziel hinaus. 1970-01-01 01:00
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