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Der rote Elvis

D 2007. R,B: Leopold Grün. K: Thomas Janze. S: Dirk Uhlig. M: Monomango, Oliver Fröhlich, Jan Weber. P: tothofilm.
90 Min. Neue Visionen ab 2.8.07

Dean Reed Has Left the Building

Von Carsten Tritt Der Westdeutsche an sich wird wohl mit dem Namen Dean Reed wenig anfangen können. Mir zum Beispiel war er zunächst überhaupt nur bekannt, weil Reed ab Ende der 1960er in einer Handvoll Italowestern der günstigeren Produktionsklasse auftrat, in denen er einzig aufgrund seiner beeindruckenden Fönfrisur etwas Aufsehen erregen konnte. Immerhin durfte er in Indio Black von Gianfranco Parolini Yul Brunners Sidekick geben, insgesamt aber schien seine Karriere in Italien, wo es seinerzeit zahlreiche amerikanische Gastarbeiter unter den Schauspielern gab, nicht richtig voranzukommen. Ich habe daher lange Zeit weder gewußt noch hat es mich sonderlich interessiert, was aus Reed geworden ist, bis ich dann vor einigen Jahren gehört habe, daß Reed in Osteuropa zum Superstar geworden sein soll.

In Leopold Grüns Dokumentarfilm über Reed fallen zunächst mehrere Lücken in der Darstellung von Reeds Lebensweg auf. Über Reeds Jugend oder seine Zeit in Italien erfahren wir wenig, und der Zuschauer, der in Der rote Elvis eine biographische Analyse eines Stars erwartet, wird sicherlich enttäuscht werden. Zudem fehlen unter den zahlreichen interviewten Personen ausgerechnet Reeds letzte Ehefrau Renate Blum und sein Sohn Alexander Reed. Auch wenn dazu weder Grüns Film noch das Presseheft des Verleihs Stellung nehmen, könnte dieses Fehlen mit auf der Fanseite www.deanreed.de zitierten Presseberichten aus dem Jahr 2004 zu tun haben, nach denen Renate Blum und Alexander Reed sich vertraglich verpflichtet haben sollen, ihre Erinnerungen exklusiv für eine Dreamworks-Produktion mit dem Arbeitstitel »Comrade Rockstar« zur Verfügung zu stellen. Somit scheint die Arbeitsteilung beschlossen: Das wohl wie üblich glattgebügelte, massenkompatible Biopic mit (nach derzeitigen Planungen) Tom Hanks in der Hauptrolle besorgt uns Hollywood, welches sogleich eine eindeutige Antwort für alle Fragen zu Reeds Lebensweg und inneren Überzeugungen geben wird. Grün hingegen macht das Gegenteil, er zeigt einen sozialistischen Cowboy, einen vermeintlich überzeugten Freiheitskämpfer, der andererseits bei FDJ-Veranstaltungen als Propagandist des SED-Regimes auftrat, einer, der Pazifist war, aber nur bis 1973, und der gerade im Privatleben nicht immer dem sozialistischen Ideal gerecht wurde: Es ist ein Blick von außen auf Risse und Widersprüche eines Phänomens. Der rote Elvis collagiert hierzu das Archivmaterial mit Interviews von Reeds geschiedener zweiter Frau, seinen Bekannten wie Armin Müller-Stahl, seinem Förderer Egon Krenz, aber auch mit einem konservativen US-Radiomoderator, der Reed kaum kennt, oder einem Fan aus der UdSSR, für den jeder Bericht über den Star eine Ablenkung von der Unterdrückung durch die sowjetische Regierung bedeutete. Was alle diese Aussagen eint, ist, daß es Äußerungen mal von Nahem, mal von Weitem sind, die aber stets in ihrer Subjektivität belassen und deren Widersprüchlichkeit, auch die Widersprüchlichkeit des verwendeten Archivmaterials, betont wird.

Was Grün gelungen ist, ist eben nicht die klassische Biographie – in dieser Hinsicht würde der Film fast schon unnütz erscheinen. Es ist statt dessen ein Film, der sich einer Verallgemeinerung von Reeds Leben verweigert (die tatsächlich gerade während Reeds tatsächlichem Wirken durch die staatliche Propaganda allgegenwärtig war), ein Film, der weder jede Handlung erklären will, noch kann, und somit gerade diese Unvollkommenheit als Ansatz der dokumentarischen Betrachtung wählt. Somit ist Der rote Elvis geradezu ein Anti-Biopic geworden und zugleich eine gelungene und kritische Studie über die Meinungen, die sich zu seiner Figur gebildet haben. 1970-01-01 01:00
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