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Der Italiener

Il Caimano. I/F 2006. R,B: Nanni Moretti. B: Francesco Piccolo, Federica Pontremoli. K: Arnaldo Catinari. S: Esmeralda Calabria. M: Franco Piersanti. P: Bac Films, France 3 Cinéma u.a. D: Silvio Orlando, Margherita Buy, Daniele Rampello, Giacomo Pasarelli u.a.
112 Min. Alamode Film ab 12.7.07

Der kleine Diktator

Von Thomas Warnecke Ganze zwei Wochen hatte Der Italiener im vergangenen Jahr Zeit, die italienischen Wähler zu beeinflussen. Müßig zu fragen, ob es ihm gelungen ist, Berlusconi jedenfalls hat die Wahl knapp verloren. Vielleicht genügte auch schon die Ankündigung, Moretti werde einen Film über Berlusconi drehen, um in dessen vor allem medial regierten Italien für Nervosität zu sorgen. Doch auch Romano Prodi fragte sich, ob seinem Mitte-Links-Bündnis Ulivo der Film eher schaden oder nutzen würde. Nanni Moretti hätte schon einen neuen Citizen Kane drehen müssen, um den in seinen Film gesetzten Erwartungen gerecht zu werden. Andererseits: Wäre das nicht zuviel der Ehre gewesen für einen Medienmogul, der letztendlich vor allem ein mediokrer Mogul ist? Es ist ja gerade das in den eingebauten Originalaufnahmen zu sehende dummdreiste, selbstherrliche und simple Gebaren Berlusconis, das einen fassungslos macht: Nachdem er den Europa-Parlamentarier Martin Schultz für eine Filmrolle als KZ-Aufseher vorschlägt, wagt er allen Ernstes noch, für seine Auslassungen Ironie zu reklamieren. Das Problem ist: Das alles ist bekannt. Wie bei den Gegnern der Bush-Administration bedeutet auch Opposition gegen Berlusconi in erster Linie, die offenen Türen der Aufgeklärten einzurennen. Also besser gar keinen Film machen?

Nach dem ohne jede Meta-Ebene auskommenden La stanza del figlio ist Nanni Moretti zum Film im Film zurückgekehrt und hat das Problem quasi klassisch-modern gelöst, indem er von einem Produzenten und dessen Schwierigkeiten erzählt, einen Film über Berlusconi zu machen. Dabei merkt dieser Produzent namens Bruno Bonomi (frz. bonhomme: gutmütig) erst gar nicht, daß es im Skript zu Il Caimano um Berlusconi geht, zu sehr braucht er einfach nur ein neues Projekt, mit dem er seine Gläubiger hinhalten kann. Und als er es merkt, stöhnt er: »Dabei habe ich ihn selbst gewählt.«

Daneben spielt sich Brunos Ehekrise ab; seine Drehbuchautorin erlebt in einem Bildungsroman in nuce den Weg zur Regisseurin, und neben einem finanzstarken Partner muß ja auch ein Hauptdarsteller gefunden werden. Das ist unterhaltsam, aber nicht lustig genug, um wirklich Satire zu sein – und wenn doch, wie in der lächerlichen Starfigur Michele Placidos, irgendwie auch wieder zu bekannt. Obwohl er die Hauptrolle Silvio Orlando, dem kommunistischen Konditor aus Aprile, übertragen hat, nutzt Moretti natürlich Gelegenheiten, von sich und seinen Vorlieben zu erzählen; daß Bruno die Inhaltsangaben seiner Trashfilme als Gutenachtgeschichten für seine Söhne verwendet, ist eine liebevollere Variante des Spotts über kommerzielles Gewaltkino und gleichzeitig ein Hinweis darauf, daß es nur geringer Unterstützung des Regisseurs bedarf, um Lächerliches lächerlich scheinen zu lassen: Sind es hier die einschlafenden Kinder, war es in Caro diario der Filmkritiker, der sein verherrlichendes Geschwurbel zu Henry – Portrait of a Serial Killer anhören mußte und darüber Bäche von Tränen vergoß. Wichtiger ist, daß Figuren und Plot trotz des allegorischen Charakters – Privatismus und politisches Versagen der Mittelklasse, Zögern der Jugend usw. – genug Bodenhaftung behalten, um nicht in einer blutarmen Parabel aufzugehen. Das gilt auch für die Bilder. Das Schiff, das durch die nächtlichen Straßen Roms gefahren wird, ist erstmal ein grandioses Element, autonom und poetisch (und eine Hommage an Fellini), dann aber in der Filmhandlung auch fest verankert als Requisit des Kolumbus-Films, an dem Bonomi gescheitert ist, und erst dann auch eine Metapher auf eskapistisches Kino (das Traumland auf dem Trockenen usw.).

Doch den eigentlichen Kick erhält der Film durch seinen Schluß. Nanni Moretti als er selbst rettet den Film im Film (und den Film), indem er die Rolle des Berlusconi übernimmt, die er vorher noch abgelehnt hatte, weil er es wichtiger fand, eine Komödie zu drehen. Autorschaft und Freiheit sind als Subtexte die Diskurse, die in Der Italiener verhandelt werden, die Freiheit, Rollen anzunehmen oder nicht, und der Produzent, der sich als erklärter Anti-Autorenfilmer erst mit seiner ganzen Existenz dem Projekt verschreiben muß. Und Nanni Moretti, der dem Zuschauer direkt ins Auge sieht. Der ambivalente Charakter seines Schlußauftritts, eine Art Umkehrung von Chaplins Monolog am Ende von The Great Dictator, beunruhigend und doppeldeutig, zeigt: Mit Berlusconi sind wir noch lange nicht fertig. 1970-01-01 01:00

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