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Deep in the Woods

Promenous-Nous Dans les Bois. F 2000 R: Lionel Delplanque. B: Annabelle Perrichon. K: Denis Rouden. S: Pomme Zhet. M: Jérôme Coullet. P: Studio Canal, Glozel Diffusion. D: Clotilde Courau, Clément Sibony, Alexia Stresi, Vincent Lecoeur, Maud Buquet, François Berlénd, Denis Lavan u.a..
90 Min. Arthaus ab 12.07.01
Von Sascha Seiler »Wir erzählen uns Geschichten, um zu überleben.« Dieser Satz der amerikanischen Kulturkritikerin Joan Didion bezieht sich primär auf die wichtige Rolle, die das Weitertragen von narrativen Strukturen in unserem täglichen Leben einnimmt. Der kulturelle ›Text‹ – und das kann im Rahmen der aktuellen Debatte um den Stellenwert einer alles übergreifenden Kulturbegriffes schließlich alles sein – wird somit zum Kontext, in dem nicht nur die Kunst, sondern auch der Alltag rezipiert wird. Das populäre Märchen an sich bietet in diesem Zusammenhang als ›Text‹ naturgemäß immense Möglichkeiten, die gerade im Horrorfilm bisher leider viel zu selten wahrgenommen worden sind.

Umso interessanter ist es also, wenn ein französischer Regisseur sich nun an die filmische Rezeption eines Märchenstoffes wagt und sich hierbei eben nicht das durch Verfilmungen und Rammstein-Videos zuletzt etwas überstrapazierte Schneewittchen, sondern das in seiner Grundkonstitution ähnlich gruselige Rotkäppchen auswählt.

Und tatsächlich scheint diese Form der Übertragung eines Volksmärchens auf den modernen Horrorfilm im ersten Moment nicht nur gelungen, sondern in seiner Konzeption schlichtweg genial zu sein. Das visuelle Erlebnis, das dem Zuschauer in den ersten Minuten von Deep in the Woods geboten wird, läßt den Schluß zu, daß der Regisseur den Versuch unternimmt, den Horrorfilm durch eine Unterminierung der Sehgewohnheiten aus seiner Nische zu befreien, und ihm in den Hoheitsbereich des europäischen Autorenfilms Eintritt gewähren will. Und in der Mitte des Films hofft man sogar, der Film könne all jene Fragestellungen, die seine Handlung aufwirft, durch ein schlichtes Ignorieren aller Genreregeln in einen großen Witz verwandeln, etwa eine an das Märchen des Rotkäppchens angelehnte Auflösung in den Film transportieren.

Doch leider erzählen die Personen dieses Filmes sich ihre Geschichten letztendlich doch, um zu sterben. Dadurch ignoriert der Film den anfangs selbst postulierten warnend-pädagogischen Anspruch eines volkstümlichen Textes und das zuvor als Leitmotiv ausgegebene Märchen gerät gegen Ende vollends in Vergessenheit. Schließlich verbringt man die letzte halbe Stunde des Films in Gesellschaft schrecklich zugerichteter Leichen und eines Psychopathen, der sich einen seltsam anmutenden Zeitpunkt ausgesucht hat, um einer Persönlichkeitsspaltung anheim zu fallen.

Das Schlimme dabei ist, daß einem durch diese Auflösung in tradierte Genremuster schmerzlich bewußt wird, wie sinnlos plötzlich die erste Hälfte im Gesamtkontext des Films erscheint. Und wie hier eine phantastische Grundidee verschenkt wird.

Oder gefressen wurde vom bösen Wolf. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #23.
© 2012, Schnitt Online

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