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Dear Wendy

DK/D/GB/F 2004. R: Thomas Vinterberg. B: Lars von Trier. K: Anthony Dod Mantle. S: Mikkel E.G. Nielsen. M: Benjamin Wallfisch. P: Zentropa, Pain Unlimited u.a. D: Jamie Bell, Bill Pullman, Michael Angarano, Danso Gordon u.a.
105 Min. Legend Films ab 6.10.05

Bang! Bang! My Baby Shot Me Down!

Von Cornelis Hähnel Über Dogma 95, seine Erfolge, sein Stigma, sein Ende und seine kreativen Nachwehen wurde im Thema des Schnitt 39 genügend diskutiert und philosophiert, daß einleitende Bemerkungen zu diesem Bereich hier nicht mehr notwendig sind. Nur kurz erwähnt werden sollte, daß bei Dear Wendy nicht nur zwei Gründungsväter der dänisch-cineastischen Reduktion aufeinandertreffen, sondern auch zwei konträre Methoden des Filmemachens miteinander kollidieren.

Lars von Trier schrieb das Drehbuch über den Außenseiter Dick, der, obwohl überzeugter Pazifist, eine innige Beziehung zu einer Handfeuerwaffe aufbaut und den Geheimclub »Die Dandies« gründet. Ziel der jungen Delinquenten ist es, aus dem Umgang mit der Waffe die nötige Selbstsicherheit für ein friedliches Leben zu erlangen. Oberstes Gebot dabei: Ziehe niemals deine Waffe.

Thomas Vinterberg bekam den Stoff von Lars von Trier angeboten, der ihn ursprünglich für sich selbst geschrieben hatte, und sagte sofort zu. Angesiedelt hat Vinterberg die Truppe der leidenschaftlichen Waffenfreunde in einer ärmlichen amerikanischen Bergabeiterstadt namens Estherslope. Die Darsteller hat er, entgegen dem Drehbuch, gute zehn Jahre jünger gemacht, was durchaus der Logik der Ausgangssituation entgegenkommt. Denn anders als mit jugendlich-verklärtem Enthusiasmus könnte man die Grundposition der Dandies nicht erklären, ohne sie als durchgeknallte Spinner hinzustellen bzw. wahrzunehmen. Daß die widersprüchliche Logik ihres Dogmas aber durchaus nachvollziehbar (allerdings nicht begreifbar) für den Zuschauer wird, liegt an den grandiosen Darstellern, allen voran der umwerfende Jamie Bell, der schon als Billy Elliot seine enorme Präsenz unter Beweis stellte. Seine Überzeugungskraft erlaubt es einem erst, die Möglichkeit der Existenz eines pazifistischen Waffennarrens überhaupt in Erwägung zu ziehen.

Doch ist das nicht das einzige widersprüchliche Element des Films. Gerade das Aufeinandertreffen von den Erzählweisen von Vinterberg und von Trier, die einerseits emotionale, intuitive und andererseits die präzise und beinahe mathematisch exakte Grundhaltung ist wohl hauptverantwortlich für die Sperrigkeit des Filmes, die zu einem großen Teil für seinen Charme verantwortlich ist.

Der realistische Anspruch kann trotz Versuchen seitens Vinterberg nicht geltend gemacht werden, allein schon das Setting spricht dagegen. Das Städtchen Estherslope, welches, scheinbar ohne temporale Verankerung, nur für sich selbst existiert, ist ob seiner geringen Ausdehnung von so bühnenhaftem Charakter, daß jegliche Wirklichkeitsnähe immer wieder zunichte gemacht wird. Die Jugendlichen, die beim Gruppentreffen ihre typisch amerikanische Alltagskleidung gegen den Neo-Western-Stil tauschen, unterstreichen dabei immer wieder den fiktiven Charakter.

Doch auch stilistisch kontrastiert sich Dear Wendy ständig selbst. Schwankend zwischen Drama und Action wechseln klassische Schuß-Gegenschuß-Momente mit wilden Zwischenschnitten in Röntgenoptik, eingefügten Strategieplänen oder trailerähnlichen Initiationssequenzen, alles kommentiert von einem ironischen Off-Erzähler, der Stimme von Dick, der durch das Schreiben eines Liebesbriefes an seine Waffe Wendy durch den Film führt. Einen Film, der in sich komplett unstimmig ist, der viel will und sogar mehr schafft (allerdings wenig von den intendierten Vorhaben).

Dear Wendy hängt die ganze Zeit zwischen Zustandsbeschreibung und Parabel, bedient sich bei sämtlichen Genres und findet seine eigene Form in der Bricolage der Realitäten. Vielleicht wäre der Film runder geworden, hätte Herr von Trier seine Ausführung allein übernommen. Allerdings wäre gerade damit die innere Anspannung der Story, die ihre Ruhelosigkeit aus dem spürbaren Bemühen einer Verknüpfung zweier Denkweisen rekrutiert, verloren.

Aber gerade das macht den Reiz von Dear Wendy aus, seine Gelassenheit und seine komischen Momente. Sicherlich ist es ein arroganter Film geworden, der selbstsicher auf seinen Namen sitzt und vielen Leuten mit dem bewußten Zurschaustellen seiner Doppelbödigkeit und seines Korrelierens auf die Nerven gehen wird. Aber das ist es doch, was einen Dandy erst so richtig charmant und interessant macht: seine Arroganz. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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