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Davids wundersame Welt

Wondrous Oblivion. GB/D 2003. R,B: Paul Morrison. K: Nina Kellgren. S: David Freeman. M: Ilona Sekacz. P: APT Films. D: Sam Smith, Delroy Lindo, Emily Woof, Stanley Townsend u.a.
106 Min. Senator ab 15.7.04

Überall Vorurteile

Von Christian Lailach Niederlagen erfährst du zahlreich in deiner Kindheit, wirst nicht ernst genommen, verspottet; in der Schule oder einer anderen Gemeinschaft. Voller Trauer gehst du nach Hause, wo Mutter auf dich wartet und dich tröstet. Du verkriechst dich in deinem Zimmer, verschwindest in Tagträumen, in deiner eigenen Welt. Irgendwann triffst du jemanden, der sich deiner annimmt, dir hilft, einen kleinen Bruchteil der Welt zu verstehen. Du suchst nach Auswegen, Zielen; findest sie auch. Daran anschließend Erfolge, zumindest kleinere, im idealsten aller Fälle der ganz große. Die Freude lebst du zunächst; bis sie erstickt wird. Von der nächsten Niederlage. Und das Spiel beginnt von vorn.

Anfangs könnte es trivialer nicht sein: Niederlagen, Trauer, Tagträume, Ziele, Erfolge, Freude. All das im spießigen, vorurteilsbehafteten England der 60er Jahre. Aus den Augen eines Zwölfjährigen. Glaubhaft, einfühlsam, haltbar; wenn auch stilistisch gewöhnlich. Exposition, erregendes Moment, steigende Handlung. Film bedeutet gegenüber dem Theater Einfachheit und Masse; mit geringerem Aufwand produzieren, in sich identisch in Masse verteilen, um letztlich die Massen zu erreichen. Im guten Zwirn schritten unsere Ahnen einst ins Theater, waren begeistert, zu Tränen gerührt. Der Zwirn ist im Kino nicht mehr üblich, der Rest sollte bleiben. Demnach entscheidet auch hier die Handlung, die Geschichte.

Dabei David selbst, seine Träume und zwischenmenschlichen Beziehungen einem zum Symbol stilisierten, anonymen Enkel der Nachbarin entgegenzustellen und letztlich dieses als ein tragendes Element zu gebrauchen, übersteigt sämtliche positiven Seiten der Trivialität. Ungesehen kippt selbige immer mehr in Gewöhnlichkeit, während die Stilistik hoffnungslos verharrt. Es bleiben Peripetie, retardierendes Moment, Lösung; Tragödie oder Komödie.

Möglich bliebe in genau diesem Moment beides zugleich. Wenn jedoch eine der beiden gegensätzlichen Ebenen scheinbar fern der Wahrnehmung der anderen existiert und die Handlung zum immer mehr befürchteten und schließlich unausweichlichen Happy End führt, ist der Film in jeglicher Hinsicht aus. Noch so trivial aufgebaute, intensive Gefühle sind längst erstickt. Der Film könnte an sich zum Drama werden. Der Ausweg: Das Spiel müßte von Neuem beginnen. 1970-01-01 01:00
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