Femme normal
Von Daniel Albers
Die einfachen Eltern der zehnjährigen talentierten Klavierspielerin Mélanie wollen ihr eine musikalische Ausbildung ermöglichen. Als diese jedoch bei einem Vorspielen vor einer Jury durch die Interesselosigkeit der berühmten Pianistin Ariane Fouchécourt aus dem Konzept und somit um die ihr so wichtige Aufnahme in ein Konservatorium gebracht wird, beschließt sie, nie mehr in ihrem Leben Klavier zu spielen. Etwa zehn Jahre später findet sie sich – ob Zufall oder nicht – als Praktikantin in der erfolgreichen Anwaltskanzlei des Ehemannes der Pianistin wieder, bietet ihm an, auf seinen Sohn aufzupassen, erringt das Vertrauen seiner Frau, die sie natürlich nicht erkennt, und übernimmt für sie die vertrauensvolle Aufgabe der Seitenumblätterin. Ein sinistrer Rachefeldzug beginnt.
Wie so viele französische Filme (Chabrol, Rohmer, Chéreau) ist auch Das Mädchen, das die Seiten umblättert in den kulturell beziehungsweise finanziell elitären Kreisen Frankreichs angesiedelt. Ungewöhnlich bei Dercourt ist jedoch, daß es ihm nicht um Gesellschaftskritik zu gehen scheint – wenigstens nicht in erster Linie. Diese Geschichte des vielleicht leisesten Rachefeldzugs der Filmgeschichte besitzt unterschwelligen Suspense à la Chabrol in Perfektion, jedoch ohne mit der vom Meister selbst oft eingeflochtenen spottenden Entlarvung bourgeoiser Abgründe aufwarten zu können oder zu wollen. Dercourt setzt eher auf eine schleichende Parallelisierung von musikalischen und filmischen Spannungsbögen, die er überzeugend und kunstvoll in Szene setzt. Dabei beschleunigt der Film allerdings zu keinem Zeitpunkt sein elegisches Tempo – die Spannung wird beinahe ausschließlich durch die von Jérôme Peyrebrunes Kamera genau inspizierte Gestik und vor allem Mimik der beiden wirklich famosen Hauptdarstellerinnen Déborah François und Catherine Frot getragen.