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Das doppelte Lottchen

D 2007. R: Michael Schaack, Toby Genkel. B: Rolf Dieckmann. S: Sascha Wolff-Täger. M: Jan Peter Genkel. P: TFC Filmproduktion, Lunaris Film- und Fernsehproduktion, Warner Bros. Entertainment.
82 Min. Warner ab 10.5.07

Gleich und gleich gesellt sich gern

Von Ekaterina Vassilieva Nach vier Erich-Kästner-Realverfilmungen, die zwischen 1994 und 2003 in den Kinos gelaufen sind und die bewährten Kinderbuchklassiker für die neue Generation aufpeppten, übernimmt der Produzent Peter Zenk nun die Verantwortung für die animierte Version von Das doppelte Lottchen. Das alles scheint ein langfristig durchdachtes Projekt zu sein, das den 1974 verstorbenen Autor als ein konkurrenzfähiges Markenzeichen wieder fest etablieren soll. Und tatsächlich steht der Name Kästner, dank der erwähnten »Modernisierungsmaßnahmen«, inzwischen für unterhaltsame Stoffe, die sich problemlos an die heutige Realität anpassen lassen und gleichzeitig für die nötige Erbauung sorgen, für die der Klassikerstatus gewissermaßen bürgt. Die aktuelle Zeichentrickverfilmung von Das doppelte Lottchen weicht jedoch etwas von dem gebahnten Weg ab, indem sie darauf verzichtet, die Geschichte für unsere Zeit zu adaptieren und stattdessen die Original-Illustrationen vom Kästner-Zeichner Walter Trier als Inspiration für die nostalgische 1950er Jahre-Optik nimmt. Dadurch sind wahrscheinlich auch die etwas steiferen Bewegungsabläufe zu erklären, die den statischen Charakter der gezeichneten Vorlagen bewußt hervortreten lassen. Leider wurde den Bildern auch alles Kantige und Eigenwillige genommen, so daß sich der Retro-Look im modernen Mainstream weitgehend auflöst.

Auch auf der inhaltlichen Ebene hat man Zugeständnisse an das heutige Kinopublikum gemacht und fügte neue Handlungswendungen hinzu, um den Stoff dynamischer aufzubereiten. Im Wesentlichen aber orientiert sich der Film an Kästner und erzählt die Geschichte zweier Zwillingsschwestern, die nach der Geburt getrennt wurden und dann in einem Ferienheim zufällig aufeinanderstoßen. Sie leben – Lotte in München, Luise in Wien – jeweils mit einem Elternteil zusammen. Nun müssen sie herausfinden, was damals vorgefallen ist. Die treibende Kraft der Handlung ist also das Streben nach der Wiedererlangung der verlorenen Einheit, die umso problematischer ist, als die Schwestern sich in all den Jahren scheinbar in völlig unterschiedliche Richtungen entwickelt haben: Lotte ist brav und häuslich, Luise dagegen frech und für jeden Streich zu haben. Das führt anfangs zu Spannungen, bis die Unterschiede ihr positives Potential offenbaren und jede in ihrem Spiegelbild das erkennt, wonach sie sich eigentlich sehnt oder was sie zumindest mal gerne ausprobieren würde. Relativ schnell wird klar, daß die Mädchen nur zusammen richtig »komplett« sind, was den Wunsch nach Wiedervereinigung ungewöhnlich erstarken läßt. Aber bevor dieser Wunsch, sich wieder in einer Familie zu verbinden, in Erfüllung geht, müssen noch diverse Hindernisse überwunden und vor allem die Erwachsenen umgestimmt werden, die – aus für die beiden Heldinnen unerklärlichem Grund – nicht einfach auf ihr Herz hören wollen.

Das Thema der Integration in eine Gemeinschaft, die durch die Gegensätze eher gestärkt als zerstört werden soll, ist zentral für den Film. Schon die Anfangsequenz zeigt uns Bilder des fast idyllischen Beisammenseins der Mädchen im Ferienheim, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit oder gerade dank ihr, unvergeßlich schöne Zeit miteinander verbringen. Daß die gemeinsamen Späße manchmal ziemlich böse oder gar gefährlich ausfallen, gehört ebenfalls dazu: Jedes Kollektiv hat seine Rituale, denen man sich unterwerfen muß, um nicht zu vereinsamen. Die Strafe für den übertriebenen Individualismus führen uns nämlich Lottes und Luises Eltern vor, die dem »natürlichen« Familienkörper einen Schnitt zugefügt haben, der ihnen selbst und ihren Kindern viel Leid bereitet. Der Film hält sich also am eher konservativen Begriff der Familie als einer organisch zusammengewachsenen Einheit fest, was Peter Zenk in einem Interview mit dem Hinweis zu verteidigen weiß, daß die Wertvorstellungen der Kinder sich im Laufe der Jahre überhaupt nicht verändert hätten. Daß das Kino diese Wertvorstellungen auch aktiv mit konstruiert, blieb dabei allerdings unerwähnt. 1970-01-01 01:00
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