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Darwins Alptraum

Darwin's Nightmare. F/A/B/D/NL/S 2004. R,B,K: Hubert Sauper. S: Denise Vindevogel. P: Mille et une productions, Coop99, Saga, arte, WDR.
107 Min. Arsenal ab 17.3.05

Fische für die Welt, Waffen für Afrika

Von Frank Brenner Hubert Saupers erschütterndes Werk Darwin's Nightmare ist eine politische Dokumentation für die große Leinwand ohne den kalkulierten Entertainmentfaktor eines Michael Moore oder Morgan Spurlock, dem ein Millionenpublikum nur gut tun würde.

Der in Tirol geborene Filmemacher Sauper nimmt sich in seinem Film dem Viktoriasee in Afrika an. In den 60er Jahren wurde in diesen zweitgrößten See der Welt der sogenannte Nilbarsch ausgesetzt, ein räuberischer Großfisch, der sich exponentiell vermehrte und fast sämtliche anderen Fischarten des Sees im Laufe der Jahre ausgerottet hat. Das biologische Gleichgewicht des Viktoriasees ist seitdem gestört, dessen geringer Sauerstoffgehalt wird in absehbarer Zeit dazu führen, daß auch die letzten Lebewesen darin nicht überleben können. Doch das weiße Filet des Nilbarsches ist der Exportschlager Tansanias. Mit keiner anderen Ware läßt sich in diesem Entwicklungsland mehr Geld verdienen. Aus Europa und Rußland landen täglich dutzende Flugzeuge, die hunderte Tonnen des Nilbarschfilets ausfliegen. Im Gegenzug werden Kisten geliefert, über deren Inhalt keiner der Interviewpartner so Recht Auskunft geben möchte. Doch es ist ein offenes Geheimnis, daß es sich dabei um Waffen und Munition handelt, die bei den blutigen Kriegen in den afrikanischen Nachbarländern wie Angola oder dem Kongo immer wieder benötigt werden.

Hubert Sauper nimmt den Nilbarsch als Ausgangspunkt, um das Porträt eines Landes zu entwerfen, in dem Millionen Menschen Hungertode sterben oder an der grassierenden Aidsseuche qualvoll zu Grunde gehen. Für wenige Dollar am Tag dienen sie einem System, das europäische Waffenkonzerne immer größer macht und eine ganze Nation unbarmherzig ausbeutet. In erschütternden Einstellungen sehen wir Menschen, die davon leben, die Abfälle bei der Fischfiletherstellung zu sammeln, im Hinterland zu trocknen und am Ende davon wenigstens etwas Eßbares zu gewinnen. Eine Frau, die durch die giftigen Ammonniakdämpfe bereits ein Auge verloren hat, watet durch einen madenübersäten Boden, um die Gräten mit den Fischköpfen aufzupicken und auf Holzgestellen zu drapieren. Auch der erbitterte Kampf einer Gruppe Straßenkinder um ein Schälchen Reis läßt den Zuschauer sprachlos zurück. Saupers mehrfach ausgezeichneter Film (u.a. bester Dokumentarfilm bei den European Film Awards) ist ein Musterbeispiel für investigativen Journalismus, das Hintergründe aufdeckt, Zusammenhänge aufzeigt und dem aufgrund seiner politischen Brisanz die größtmögliche Aufmerksamkeit des Publikums entgegen gebracht werden sollte. 1970-01-01 01:00

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