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Dark Blue World

CZ/D 2001. R: Jan Sverak. B: Zdenek Sverak. K: Vladimir Smutny. S: Alois Fisarek. M: Ondrej Soukup. P: Biograf, Portobello, Helkon. D: Ondrej Vetchy, Krystof Hadek, Tara Fitzgerald, Charles Dance u.a.
114 Min. Helkon ab 2.5.02
Von Fritz Göttler Die Welt war Provinz im Jahr 1939, und das war gut so. Sie war beschränkt und gemütvoll und leuchtete in heimeligen, warmen Farben. Die Tschechoslowakei zum Beispiel, ein Land der Lebensfreude und der Liebe, schwejkianisch gewissermaßen. Karel hat seine Fliegerprüfung bestanden, sein väterlicher Freund Franta schleicht sich abends zum munteren Rendezvous mit seiner Geliebten – wo er prompt erwischt wird, als die deutschen Truppen einmarschieren. Risse gehen von da an durch die Welt, es ist, als ob ihre Schutzhülle zerstört wäre, irreparabel, nun ist sie offen und preisgegeben. Franta und Karel fliehen vor den Nazis, landen in England auf einem Stützpunkt der Royal Air Force. Nach demütigender Warte- und Bewährungszeit werden sie Piloten, ebenbürtige Kampfgenossen der Briten und Amerikaner.

Seit einigen Jahren haben die Europäer wieder Spaß am nationalen Epos – die Neuverfilmung von Quo Vadis feierte in Polen Triumphe, Amélie eroberte Frankreich, Der Schuh des Manitu war der Renner in Deutschland, und Dark Blue World hat Hunderttausende von Tschechen in die Kinos gelockt – ein Film, der in fahlen Bildern vom Scheitern erzählt und von einer Treulosigkeit, die schlimmer ist als jede Niederlage. Es sind die Szenen von Verfolgung und Absturz, die dem Film seinen Rhythmus geben, von durchschossenen Cockpits und zerschmetterten Maschinen. In kühner Zeitverschiebung projiziert er auf die Wirklichkeit des Antinazikriegs die Träume vom Fliegen, wie sie in den 20ern virulent waren, von Jugend, Freiheit, Glücksgefühl. Dem Zweiten ist in diesem Film der Erste Weltkrieg überblendet.

Es ist eine verlorene Welt, die der Film beschwört, doppelt verloren auch was seine Herstellung angeht, die Fabrikation der Flug- und Kampfszenen, die zusammengefügt sind aus Computeranimation, Aufnahmen mit Modellen und Material aus dem legendären Battle Over Britain. Was weniger zur Nostalgie als zu einem geschärften Sinn fürs Heterogene, fürs endgültig Fiktive aller Kinoerfahrungen Anlaß gibt.

»The Blue Room« heißt das kleine Museum in Prag zum Gedenken an Jaroslav Jezek, einem bekannten Jazzer und Komponisten. Er war fast blind, und Dunkelblau war die einzige Farbe, die er erkennen konnte. Er hat, heißt es, in diesem Raum das Lied von der Dark Blue World komponiert. Das Dunkelblau bestimmt auch die Liebe, von der dieser Film erzählt, einem Gegenstück zur frechen Romanze am Anfang. Die Liebe zu Susan, in der Karel und Franta Rivalen werden. Susan, die in einem Haus auf dem Land lebt und für eine Schar Kinder sorgt wie Lillian Gish in Night of the Hunter. Susan, deren Mann vermißt wird, die eines Nachts den abgestürzten Karel aufnimmt, sich in ihn verliebt, dann aber doch zum älteren Franta wechselt und ihm den Weg weisen muß. »A dense blue cloud now covers all, the impenetrable dark blue world…« Dem Blau der Romantik ist hier ein dunkler und melancholischer, ein Ton der Verzweiflung beigemischt. Am Ende ist das ganze Kino ein Filter auf die Wirklichkeit geworden. Day for night. 1970-01-01 01:00
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