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Darf ich bitten?

Shall we dance. USA 2004. R: Peter Chelsom. B: Audrey Wells. K: John De Borman. S: Charles Ireland. P: Miramax. D: Richard Gere, Jennifer Lopez, Susan Sarandon u.a.
107 Min. Buena Vista ab 4.11.04

Happy-End als Gratifikation der Midlife Crisis

Von Matthias Grimm Zum Happy-End des klassischen Hollywoodfilms gehört traditionellerweise die Formierung des heterosexuellen Paares. Ein Akt, der im Film weniger als das finale Ziel männlichen Handelns stilisiert wird (das romantische Happy-End ist, wenn überhaupt, nur für die Frau das eigentliche Ziel), sondern vielmehr als Gratifikation für ein Handeln gilt, das in der Regel selbstlos zu sein hat – als Belohnung für das bestandene Abenteuer, als Ausgleich der erlittenen Qualen. Die Frage, was denn nach dem Happy-End kommen mag, ist nur auf eine Weise zu beantworten: die Midlife Crisis. Die Phase im Leben eines Mannes, in der er feststellen muß, daß die Ziele seines Handelns und Strebens erreicht sind und alle weiteren lediglich der Erhaltung des Ist-Zustandes dienen. Das französische Kino setzt an dieser Stelle mit einem weiteren, etwas interessanteren Topos an: dem Seitensprung. Interessanter deshalb, weil er Abenteuer und Gratifikation in eines faßt.

Auch Richard Gere erfährt in Darf ich bitten? neu aufkeimende Sehnsucht und Abenteuerlust in dem Moment, als er von der Straßenbahn aus die geheimnisvolle Jennifer Lopez am Fenster erblickt. Ohne zu wissen, was er eigentlich tut, meldet er sich daraufhin bei ihrem Tanzkurs an und wird so schließlich aus der Lethargie gerissen, und das, obwohl er bald feststellen muß, daß da doch nichts laufen wird.

Daß Darf ich bitten? nicht, wie der Film zu Beginn noch vermuten läßt, eine Abhandlung über den Seitensprung, sondern eine als Tanzfilm maskierte Sinnsuche darstellt, die letztendlich bürgerliche Werte von Familie und Integrität affirmiert, mag als prüde oder inkonsequent angesehen werden, macht aber den eigentlichen Charme und die zentrale These des Films überhaupt erst möglich: daß die Midlife-Crisis keine Phase des Selbstzweifels oder der männlichen Sinnsuche ist, sondern eine Neuausrichtung des Lebens, in dem es keine Belohnungen fürs Handeln mehr gibt, vielmehr der Sinn im Handeln selbst zu finden sein muß. Natürlich, so schreiben es die Regeln vor, erkennt der Film-Mann dies erst nach einem neuerlichen Happy-End.

Vielleicht hätte dieser Film nicht Darf ich bitten?, sondern eher »Warum macht dieser Typ das alles eigentlich bloß?« heißen sollen, denn, klar, ist Peter Chelsoms Werk irgendwo eine Schmonzette, aber die Verbissenheit und Ziellosigkeit, mit der Richard Gere an seiner kläglichen Sinnsuche herumexperimentiert, machen ihn darüber hinaus zu einem Diskurs über das Wesen des Hollywood-Helden und sein Streben an sich. Zu Gute kommt dem Film in dieser Hinsicht sein Ensemble an Nebenfiguren, welche die einzelnen Facetten des Helden in unterschiedlichen Konstellationen spiegeln – insbesondere Stanley Tucci als trauriger Clown, als Comic Sidekick, der keiner sein will. Daß Chelsom seine Figuren dann letztlich doch häufig nur als Typen und Sidekicks mißbraucht, schmälert den Kunstgriff leider und legt im Happy-End, das als Gratifiktaion aller Mühen steht, den Schluß nahe: Vielleicht war alles doch nur eine Schmonzette. 1970-01-01 01:00

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