Daredevil

USA 2003. R,B: Mark Steven Johnson. K: Ericson Core. S: Dennis Virkler, Armen Minasian. M: Graeme Revell. P: New Regency, Horseshoe Bay. D: Ben Affleck, Jennifer Garner, Colin Farrell, Michael Clarke Duncan u.a.
102 Min. Fox ab 20.3.03

Gehaltloser Spiderman an Drähten

Von Dietrich Brüggemann Blättert man so durch das Presseheft einer aktuellen Hollywood-Großproduktion, so entsteht ein merkwürdiger Eindruck: Es sieht so aus, als hätten alle nicht nur enorm viel Spaß bei der Arbeit gehabt, sondern wären auch durchweg davon überzeugt, an einem großartigen Film mitgearbeitet zu haben und gemeinsam eines jener seltenen Projekte, bei denen alles perfekt ist, aus der Taufe gehoben zu haben. Jede Rolle traumhaft besetzt, die Dreharbeiten waren eine großartige Chance, dem Geist der Vorlage ein würdiges Denkmal zu setzen, selbst der letzte Requisitenfahrer hat als Kind jede Woche die zugrundeliegende Comicserie verschlungen und kennt alle Figuren bis ins Detail, alle sind stolz und glücklich. Niemand ist der Ansicht, er habe halt einfach mal einen Job bei einem dieser aufgeblasenen Großprojekte...

Nehmen wir zum Beispiel Ben Affleck, in diesem Fall von Interesse, da er immerhin die Titelrolle spielt. Es ist an dem schicken Lederkostüm zu erkennen, das er tragen darf, und an dem Training, das ihm anscheinend vorher zuteil wurde. Auch er ein Fan der Vorlage, hat sie als Kind immer gelesen, sogar mal ein Vorwort geschrieben. Doch bei all dieser heiligen Begeisterung sieht er im Film dann doch eigentlich aus wie jemand, der halt mal 'nen Job bei einer dieser aufgeblasenen Großproduktionen macht, das Geld einsteckt und hinterher wieder seiner Wege geht. Zugegeben, Ben Affleck sieht eigentlich immer so aus, als wäre er nur das Stand-In oder allenfalls der Stuntman – keine Spielfreude, kein Humor, kein doppelter Boden, nur gelegentliche große physische Kraftanstrengung. Schauspielerei in Form von Fitneßtraining. Und so auch hier.

Fatal, zumal die Meßlatte seit Spiderman ziemlich hoch liegt, denn was Tobey Maguire dort unter Sam Raimis Regie auf die Leinwand brachte, ist oft genug und völlig zurecht gepriesen worden. Dabei war Spiderman, verglichen mit Daredevil, ja noch ein Sunnyboy ohne echte Probleme, denn was Daredevil an Abgründen zu bieten hat, spielt schon in einer ganz anderen Liga. Der Mann ist nämlich einfach mal blind und muß sich auf seine geschärften Restsinne verlassen, womit seine Superkräfte auch schon erschöpfend beschrieben wären. Genug Stoff für innere Zerrissenheit und menschliche Dramen, sollte man denken, doch von Affleck kommt einfach gar nichts, da kann der Film noch so viel behaupten. Daß die Produzenten auch mal an Vin Diesel gedacht hatten, ist da nur ein schwacher Trost, andererseits wäre es mit Vin Diesel als Blindem mit komplexer Psyche wahrscheinlich schon wieder sehr lustig geworden.

Da ein Heldenfilm mit dem Helden steht und fällt, könnte man hier eigentlich auch Schluß machen. Das wäre allerdings unfair gegenüber den Nebendarstellern, vor allem Colin Farrell, der sein Schulbubengesicht für eine grandiose Knallcharge hergibt. Jennifer Garner hingegen wird von ihrem peinlich nuttigen Kostüm zur Schaufensterpuppe entmündigt und paßt sich im Spiel daran an.

Erwähnt gehört außerdem noch die Leistung der Effektabteilung, die Daredevils Ultraschallwahrnehmung elegant in Bilder zwingt, und das übliche perfekte Zusammenspiel von Kamera, Licht, Schnitt, Musik und was sonst noch so dazugehört – alles sehr schick, der Film macht irgendwo auch Spaß, man kann ihn sich ansehen und seine Freude daran haben, doch der göttliche, vielleicht auch nur menschliche Funke, der aus Tönen Musik, aus Farbflecken ein Bild und aus Bildern eine Geschichte macht, der fehlt. Anfangs ist er noch zu spüren, irgendwann fängt dann aber Daredevil an, sich wie ein Wahnsinniger oder genauer gesagt wie eine Computeranimation von Hausdächern ins Leere zu stürzen und Dinge zu tun, die kein Blinder, völlig egal in welchem Kostüm, jemals machen würde, aus dramaturgischen Gleichgewichtsgründen schweben dann irgendwann alle anderen auch noch an Drähten durch die Gegend und hauen sich, jemand stirbt, noch jemand, Film vorbei.

Zeit für Spiderman 2.

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