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Dangerous Minds – Wilde Gedanken

USA 1995. R: John N. Smith. B: Ronald Bass nach Louanne Johnson. K: Pierre Letarte. S: Tom Rolf. D: Michelle Pfeiffer, George Dzundza, Courtney B. Vance u.a.
95 Min. ab 4.1.96

Paukerfilm

Von Hasko Baumann Ja, da steht man nun als neue Lehrkraft vor einer Klasse extra schwer erziehbarer Weiß-Schwarz-Latino-Schüler, die ständig »Yo man« rufen und mit irgendwelchem Schwachsinn (z.B. »rappen«) beschäftigt sind, einem aber niemals Aufmerksamkeit oder gar Respekt zollen. Was soll man da machen? Richtig: Man haut den Kleinen erstmal kräftig eine rein. So oder so ähnlich denkt man, wenn man wie ich noch mit der Klasse von 1984, dem Statussymbol aller Fünftkläßler, aufgewachsen ist. Aber – politisch korrekte Korrektur – das geht natürlich nicht.

Lustigerweise zeigt Michelle Pfeiffer ihren Schülern tatsächlich als erstes, wie man sich gegenseitig eine reinhaut. Das verwundert die Kids, so wie uns, die wir im folgenden aber auch noch glauben sollen, daß Bob Dylans »Poesie« besseren Lehrstoff bietet als die eines Dylan Thomas und daß schwierige Schüler wie quengelige Köter mit Schokoriegeln »belohnt« werden wollen. Ansonsten bleibt alles beim alten: Lehrerin gewinnt Vertrauen durch unkonventionelle Maßnahmen, was wiederum Ärger mit dem sturen Direktor gibt; netter, fetter Freund (nett & fett: George Dzundza) steht Lehrerin bei; Schüler wird gewalttätig; Schülerin wird schwanger; Lehrerin will gehen usw. usw.

Die Regeln des Paukerfilms wurden vor fast vierzig Jahren von Richard Brooks' Saat der Gewalt festgelegt und seitdem allenfalls marginal variiert (bei Rühmann sülziger, bei Belushi brutaler etc). Das gilt auch für die Sozial-Schnulze Dangerous Minds, die allerdings in den USA mächtig Kasse gemacht und das Star-Produzentenduo Simpson / Bruckheimer (zusammen mit u.a. Crimson Tide) aus mehrjährigem Flop-Koma geholt hat. Warum? Weil die Story zwar völlig vorhersehbar, aber ohne Hänger wie an einer Schnur gezogen durchläuft.

Ohne Michelle Pfeiffer wäre der von John N. Smith (wer?) unauffällig »inszenierte« Film jedoch gänzlich unvorstellbar. Sie spielt wirklich ausgezeichnet und trägt den Film mit links über die Runden, läßt sogar den Wechsel vom biederen Lehrkörper zur lässigen Pädagogik-Amazone glaubhaft erscheinen. Da erträgt man widerwillig auch noch die grottenschlechte Filmmusik der zurecht vergessenen Ex-Prince-Mätressen Wendy & Lisa sowie das 124. Mal »Gangsta's Paradise«. Ungerührt, aber nicht gelangweilt bekennt sich der geneigte Zuschauer dazu, gern von einer kalkulierten Hollywood-Maschine überrollt worden zu sein.

Wer ernsthaft glaubt, Dangerous Minds biete irgendeinen Lösungsvorschlag bezüglich sozialer Mißstände, sollte sich vielleicht nicht mehr mit seinem Teddy unterhalten. Zu befürchten steht allerdings, daß deutsche Kids sich bestärkt fühlen in ihrem dämlichen Nachäffen von »streetwise« Ghetto-Gestik, die so klasse zu umgedrehten Baseballkappen und zu weiten Hosen paßt. Da sehnt man sich dann doch zur Klasse von 1984 zurück, wo die kleinen Racker auf die Kreissäge geworfen oder abgefackelt wurden. Aber das geht natürlich nicht. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #01.
© 2012, Schnitt Online

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