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Der Cuba Coup

Hacerse el sueco. CUB/D/E 2000. R,B: Daniel Díaz Torres. B: Eduardo del Llano. K: Raul Pérez Ureta. S: Guillermo S. Maldonado. M: Edesio Alejandro, Gerardo García. P: ICAIC, Kinowelt, Igeldo, Impala. D: Peter Lohmeyer, Ketty de la Iglesia, Enrique Molina, Coralia Veloz u.a.
105 Min. Arthaus ab 12.7.01
Von Oliver Baumgarten »Scheiße, die sehen ja alle gleich aus!« Keine leichte Aufgabe für die Unterwelt Havannas, den vermeintlich ertappten Touristenräuber unter einer europäischen Reisegruppe auszumachen. Blond sei er und groß und schlank – na ja, ein Deutscher halt oder ein Schwede, ein Europäer eben.

Seit Wochen treibt der Ausländer in der Touristenmetropole Kubas sein Unwesen und jagt den Devisenbringern heillosen Schrecken ein. Die Köpfe der einheimischen Gangsterbosse rauchen ähnlich stark wie die fetten Zigarren der Berliner Obergauner, als sich diese in der berühmten Parallelmontage in Fritz Langs M – Eine Stadt sucht einen Mörder dazu entscheiden, den Verbrecher, der ihr Geschäft verdirbt, selbst zu finden und der Polizei zu übergeben. In einem Innenhof inmitten des Centro Habana, unter Tagedieben, Gaunern und greisen Hobbymusikern, die sich mit einem Pappschild feixend als Mitglieder des Buena Vista Social Clubs ausgeben, um einige Dollars einzustreichen, inmitten des prallen Lebens kommen die Ganoven zu eben jenem Schluß: den Ausländer selbst zu jagen. In Rufweite hat längst schon Björn sein Zimmer zur Untermiete bezogen, der vermutlich blondeste aller Touristen, ein schwedischer Akademiker – sagt er. Seine Vermieter, ein pensionierter Polizist mit Frau und bezaubernder Tochter, gestalten ihm den Aufenthalt so angenehm wie möglich und werden schnell zu Björns Ersatzfamilie.

»Etwas zwingt mich, unaufhörlich über die Straßen zu wandern, und immer ist einer hinter mir her. Ich selber bin es! Und doch kann ich mir nicht entrinnen. Die Gespenster verfolgen mich und geben keine Ruhe – bis ich es getan habe.« Diese berühmten Worte Beckerts alias Peter Lorre gehen, so ähnlich, auch Björn alias Peter Lohmeyer über die Lippen. Selbst wenn dieser kein »M« auf seiner Schulter trägt (wohl aber ein Tattoo auf dem Arm, das ihn für Sekunden in den Augen des argwöhnischen Polizisten nicht weniger brandmarkt) und Daniel Díaz Torres' Inszenierung keinerlei Nähe zu Lang sucht: Die Story-Verwandtschaft erscheint frappierend, und die Beklemmung während Lohmeyers Szenen, in denen er von seinem vermeintlich kriminellen Bruder erzählt, in denen er also ein schizophrenes Moment andeutet, legt sich eindrücklich über das ansonsten unbeschwerte Augenzwinkern im Grundton des Films.

Die gerade durch eine lockere Erzählweise und durch von Kameramann Raul Pérez Ureta (Das Leben – ein Pfeifen) in warmes Südlicht getauchte Bilder gefällig wirkende Oberfläche von Der Cuba Coup täuscht auch in anderen Beziehungen. Diese ungemein unterhaltsam verpackte Krimi- und Lesgeschichte birgt einen mehr als spannend zu verfolgendeiebn Diskurs über die Ambivalenz von Tourismus und der generellen Beziehung Kubas nach »außen«. Peter Lohmeyer, im vom Embargo gezeichneten Kuba ein echter Importschlager, gelingen als (um das Wortspiel aus dem spanischen Original zu übertragen) »getürkter« Schwede innerhalb des blendenden Gesamtcasts herrliche Momente. Fast ausschließlich an Originalschauplätzen gedreht, erwirkt so das aus Tropicanita erprobte Team von Regie, Kamera, Komponist und Darstellern bei aller aufblitzenden Absurdität eine wunderbare Natürlichkeit – eine, von der es in diesem Kinosommer wirklich nicht viel zu sehen geben wird. 1970-01-01 01:00

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