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Cremaster Cycle

USA 1996-2002. R,B,S,P,D: Matthew Barney. K,S: Peter Strietmann. S: Schuyler Grant, Eric Solstein, Christopher Sequine. M: Jonathan Bepler. P: Artangel, Cartier Foundation u.a. D: Ursula Andress, Norman Mailer, Richard Serra, Marti Domination u.a.
396 Min. Celluloid Dreams ab 5.10.05

Die Ahnung des Grauens

Von Tina Hedwig Kaiser Ein Novum quer durch alle Felder: Sämtliche Episoden des Cremaster-Zyklus von Matthew Barney, US-amerikanischer Kunststar, kommen im Herbst in die deutschen Kinos. Die fünf gefilmten Performances (dieses Wort ist eigentlich zu einschränkend für das, was da folgt) aus den Jahren 1996-2002 waren zum Teil bereits in Kunstausstellungen wie der documenta 9 zu sehen. Zusammen ergeben sie die epische Länge von 400 Minuten. Und erschlagen dabei in keinster Weise.

Alles atemlose Spannung und irritierende Bildweiten. Bewegte Tafelbilder in perfekten Kulissen, örtliche Mythen heraufbeschwörend, und das alles ohne Sprache. Hätte man nicht im Nachhinein gelesen, daß alles ohne gesprochenen Text funktioniert, es wäre nicht aufgefallen. Denn alles spricht und lauscht hier, aber anders – jenseits linearer Narrativik. Die Bilder, ihre Raumerfahrungen und Geräuschkulissen, schaffen das allein. Verschiedenste Genres, u.a. Western, Musical, Sagenwelten, dienen dabei als Gefäße, die gefüllt, umfunktioniert und gleichzeitig gesprengt werden. Zudem lehnt sich der gesamte Zyklus an die Biologie an – Kremaster beschreibt einen Muskel am männlichen Hoden.

Barneys Leitgedanke: Damit sich ein Muskel ausbilden kann, muß er mit einem Widerstand konfrontiert werden. Schöpferisches Wirken und Zerstörungskräfte vereinen sich so auch im Kern des Zyklus, im mittleren Stück: Cremaster 3, zu einem neuen Gleichgewicht. Eine Situation, die in alle Variationen und Prozesse der anderen Filme hineinspiegelt, vor und zurück, aktuell und virtuell. Nach den Deleuzeschen Kategorien also nicht ein Kristallbild, sondern ein ganzer Kristallfilm. Ein Kristallisieren in alle Richtungen und allseitige Überlappungen: Die Mitte des Zyklus als Schwebe und Patt im Reifungsprozeß der Geschlechter.

Prothesen, Schleim, spermahelle Farben und Formen in hochstilisierten Räumen. Aufsichtspersonen versus Nymphen und Satyrn, erwachende Triebe und Wahnsinn, Angst und Aggressionen. Zwischen Heavy-Metal und Esther Williams-artigen Musicalchoreographien. Alles steht und schwebt, aseptisch und schmutzig zugleich. Es ist viel, was hier passiert und doch nicht passiert, keine eindeutige Handlung ist zu sehen. Räume und Materialien werden erweckt, entdeckt, domestiziert.

Cremaster 1 zeigt Finger, die sich durch eine weiße Oberfläche bohren und Weintrauben ertasten, sie einziehen, ins Innere der Brutzelle, und dabei die Öffnung immer weiter vergrößern. Eine platinblonde Schöne bricht da hervor, doch noch tanzen die Trauben, werden auf einer zweiten Ebene zu immer neuen Mustern in einem Stadion angeordnet. In den anderen Teilen wird man sich mal auf einem Rodeo, in einem Gletscher, zwischen Inseln und Meer, an einer Tankstelle, in Autos etc. finden. Immer dämmert jemand oder etwas – anfangs meist schwer auszumachen was – vor sich hin. Lauert und wittert und ist motorisch äußerst eingeschränkt. Ein Animalisches und Menschliches zugleich.

Jede Geste, jedes noch so geringe Sich-im-Raum-Verschieben hat etwas Großes, Makabres und meist die Ahnung eines Grauens bzw. einer Perversion. Porno schauen, ohne ihn zu sehen. In erster Linie geht es darum, einen Raum zu aktivieren. Barney selbst kommt von der Bildhauerei, er sieht sich am ehesten als skulpturaler Materialstrukturierer. Seine weichen Gebilde werden genutzt, um den Raum zu erfahren. Alles Weiße und Klebrige wird gesammelt, bestaunt und in Formen gelenkt. Es muß anwesend sein, muß stören und ekeln. Das ist die eigentliche Arbeit, und so soll es wohl auch mit seinen Filmbildern sein.

Eine Kinorevolution scheint hier also in irgendeiner Weise im Gange: Skulptur und Film haben sich in der Zeitabfolge bewegter Bilder gefunden, genau wie dieses Unförmige, das plötzlich Ordnung gewinnt und sich dennoch seine Eigenart bewahrt. Die Figuren kämpfen in den Wänden, die sie einschließen, lenken und prägen. Sie sind wie eingeschläfert und dämmern sich doch langsam wach. Mit unglaublichem Kraftaufwand versuchen sie zu leben. Das Aufrichten scheint oft das Schwierigste zu sein. Doch das, was es zu entdecken oder zu tun gibt, egal ob mehr oder weniger unbewußt, ist dabei Katalysator genug. Dutzende Allegorien auf das Leben, aber letztlich bestimmt auf unzählige Zyklen in diesem.

Alles neu also, alles zum ersten Mal wiedergesehen. Alles also immer auch alt hier. Den Abschluß seiner Mythenreihe, Cremaster 5, hatte Barney in guter eurozentrischer Manier an der Donau gedreht. Wo sonst? Ein Abschluß zumindest, den er hier schon 1997 filmte, somit also vor der Zyklusmitte, Cremaster 3, die er zuletzt, 2002, drehte. Selbst da überlagern sich die Zeiten, linear ist hier schon lange nichts mehr. Paßt also, daß dieses unfaßbare monumentale Werk nun erst in die Kinos kommt. Früh genug scheint's – mit Blick auf die Abfolgen, die nie welche sein wollten. 1970-01-01 01:00

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