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C.R.A.Z.Y. – Verrücktes Leben

C.R.A.Z.Y. CND 2005. R,B: Jean-Marc Vallée. B: François Boulay. K: Pierre Mignot. S: Paul Jutras. P: Cirrus Communications, Crazy Films. D: Michel Côté, Marc-André Grondin, Danielle Proulx, Pierre-Luc Brillant u.a.
127 Min. Concorde ab 25.5.06

Glaubenlos glücklich

Von Christian Lailach Kennst du die Filme, in denen du mit deiner Drei-Euro-Bionade sitzt, dich langweilst und das ganze Kino jede Szene immer amüsanter findet als du? Genau so einer ist C.R.A.Z.Y. nicht. Nein, du sitzt auf deinem mehr oder weniger bequemen Polsterstuhl, schmunzelst so vor dich hin. Und plötzlich, immer wieder plötzlich durchfährt es dich, und du drehst dich um; mußt dich umsehen, weil du nicht sicher bist, ob die restlichen Leute noch da sind, ob sie ein ebensolches Dauergrinsen tragen, ob sie heimlich genauso feixen, aber niemals lauthals lachen. Ein wenig irritiert glücklich fühlst du dich, seitdem der Gong ertönte, und dir wird es langsam unheimlich.

Auf der Leinwand: Zac, der zweitjüngste der fünf Brüder und scheinbar einzig ticklose der Familie Beaulieu im kanadischen Québec der 60er Jahre. Vater Gervais fährt mit seinem Sohnemann heimlich Pommes essen, während Mama Laurianne ihrem Weihnachtsgeborenen von der hellsehenden Nachbarin heilende Kräfte nachsagen läßt. Doch die naturgegebene Gunst des Papa endet jäh, als Zac in einen Lebensabschnitt erwächst, in dem er die fremde Eigenwahrnehmung forcieren kann; und muß. Auto waschen oder Blutungen stillen? Kerl oder Weichei? Jungs- oder Mädchenclique? Nur was tun, wenn du beginnst, die Alternativen zu reflektieren? Weder weder noch noch willst? Sondern du selbst sein? Mitten in den 70ern. Klar: Papa kennt dich nicht mehr, während Mama tagein, tagaus für dich betet. Mit der eigenen Fremdwahrnehmung weißt du jetzt auch nicht mehr wohin.

Doch C.R.A.Z.Y. ist mehr; mehr als rockende, mit dem Teufel sympathisierende Pastoren und ein halbes Orchester Geburtstagsgeschenke zu Weihnachten. Vallée spaziert mit beachtlicher Leichtigkeit auf dem glatten Grat zwischen endlos rotierendem Humor und einschläfernd rührigem Ernst. Er akzeptiert seine Figuren, begegnet ihnen und ihren Befindlichkeiten mit ein klein wenig Abstand. Genau mit diesem vermeidet Vallée lächerliche oder beklemmende Situationen, schafft im Gegenzug solche des Schmunzelns und des Betrübtseins.

Würden wir nun auf die letzte, überflüssige Szene und den Schnitt auf den Abspann verzichten, dann bliebe uns zum einen selbige erspart und zum anderen ebenso die ernüchternde Antwort auf die Frage: Warum heißt der Film, wie er heißt? Doch selbst ein derart zweifelhaft ungeschickter, verkrampfter Rücksprung in die Realität des Betrachters vermag die Wirkung des Ganzen nicht zu schmälern: Du verläßt nach gut zwei Stunden das Kino und deine kleine Welt ist für die nächsten Minuten farbenfroher und authentischer denn je. Danke, Jean-Marc. 1970-01-01 01:00
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