— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Crash Test Dummies

D/A 2005. R,B: Jörg Kalt. B: Antonin Svoboda. K: Eva Testor. S: Emily Artmann. M: B. Fleischmann. P: Amour Fou, Icon. D: Simon Schwarz, Viviane Bartsch, Kathrin Resetarits, Barbara Albert u.a.
93 Min. Stardust ab 10.5.07

Auf nach Europa

Von Christian Lailach Es gibt Dialekte, die magst du. Und es gibt Dialekte, die magst du nicht. Und es gibt Dialekte, die mag fast niemand nördlich des Weißwursthorizonts; aber es spricht ihn ein ganzes Volk: Österreich. Filme aus diesem Ländle sind oftmals nur mit Ausdauer zu verstehen. Allein ein ständiges »Servus!« und »Ba ba!« treibt so manchen an den Rand des Wahnsinns. Aber nett sind die Menschen, und schön ist's da auch.

Nun drehen wir das alles einmal um: Der Dialekt nervt gar nicht so sehr, weil ihn Crash Test Dummies mit der »I bin die Zensi«-Plüschkuh selbst nicht wirklich ernst nimmt. Dafür sehen wir nichts von Wien, obschon wir uns gemeinsam mit Ana und Nicolae fast die ganze Zeit hier befinden. Die beiden jungen Rumänen wollen ein gestohlenes Auto in den Osten holen, sehen sich aber schon bald gezwungen, ein wenig länger als gewollt zu bleiben. Dabei treffen sie auf Jan, Martha und Dana, mit denen sie in eigene, dynamische Situationen verwickelt werden. Die Charaktere kollidieren, verlieren auf kleinstem Raum sowohl die räumliche als auch persönliche Orientierung, um letztlich in diesem Mikrokosmos sich selbst wiederzufinden.

Kalt beweist mit Crash Test Dummies ein Gefühl für Details, die in der heutigen reizüberfluteten Welt den Sprung über die Grenze der Wahrnehmung nicht schaffen. Er arrangiert eine Geschichte, die einzig auf Zu- und Unfällen aufbaut und diese über eine Art zurückhaltender Naivität miteinander verknüpft. Crash Test Dummies ist gleichzeitig Globalisierung auf körperlicher wie politischer Ebene: Zwei Osteuropäer bewegen sich gen Westen, der sich gerade auf gen Osten macht. Zum Zeitpunkt des Europas der Fünfundzwanzig, des interkulturellen Zusammenpralls, scheint die Zeit still zu stehen, scheint sich ein unerwartetes Zeitfenster zu öffnen, in dem nichts und alles passiert.

Nun sind wir schlauer? Lieben den Wiener Schmäh und den Osten sowieso? Abgesehen von der Kleinkriminalität; die verachten wir natürlich! Oder haben wir einfach nur einen netten und für uns konstruktiven Abend zugleich verbracht? Irgendwo zwischen dieser Ironie und Ernsthaftigkeit bewegen wir uns in unserer Gefühlswelt und prallen immer wieder an deren Außenwände. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #42.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap