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Constantine

USA 2005. R: Francis Lawrence. B: Kevin Brodbin, Mark Bomback, Frank Cappello. K: Philippe Rousselot. S: Wayne Wahrman. M: Brian Tyler, Klaus Badelt. P: Warner, The Donner's Company u.a. D: Keanu Reeves, Rachel Weisz, Shia LaBeouf, Djimon Hounsou u.a.
121 Min. Warner ab 17.2.05

Höllentourist

Von Dietrich Brüggemann Wenn bei einem Film Erwartung und Ergebnis so sehr auseinanderklaffen wie hier, muß man genauer beschreiben, was war.

Man ging ins Kino und wußte: Es handelt sich um eine Comicverfilmung, die Hauptrolle spielt Keanu Reeves, der einen Helden mimt, der irgendwie aus der Hölle zurückgekehrt ist, um Dämonen zu jagen, oder auch nicht. Regie führt jemand, der bisher nur Musikvideos und Werbung gemacht hat. Man dachte zurück an all die schlimmen Dinge, die es da zuletzt zu sehen gab, an Blade Trinity und Van Helsing, an dumme Sprüche, schlechte Computereffekte und dämliche Drehbuchbausätze, und man ärgerte sich fast schon vorher, daß man überhaupt hingegangen ist. Dann jedoch kam ein Film, der so konfus war, daß man zwar nichts kapierte, aber in jeder Sekunde auf alles gefaßt war – und der mit irrwitzigen Bildern um sich warf, wie man es schon lange nicht mehr gesehen hat.

Constantine fällt in fast jeder Hinsicht aus dem Rahmen dessen, was die Blockbustermaschine aus Hollywood uns sonst vorsetzt. Die Performance von Keanu Reeves als kettenrauchender Höllentourist läßt sich nicht in Begriffe wie »überzeugend« oder »lebensecht« fassen, sie ist höchst eigenwillig und sehr seltsam. Das Drehbuch schert sich einen erfreulichen Dreck um den Ur-Mythos von der Reise des Helden, der uns seit knapp zehn Jahren zu oft und zu schlecht unter die Nase gehalten wird, sondern geht seine eigenen, verschlungenen Wege, die den Zuschauer öfters auch völlig im Regen stehen lassen. Das stört aber nicht, denn immer, wenn man ratlos ist und zu fremdeln beginnt, kommt Regisseur Francis Lawrence mit einem Bildeinfall, der einem erstmal die Sprache verschlägt. Wobei es sich genau genommen nicht nur um starke Bilder handelt, sondern um starke Vorgänge, um Interaktionen zwischen Mensch, Natur und Kamera, um verblüffende Geschehnisse, die Szenen neue Wendungen geben. Die Bilder selber sind sowieso erstklassig, das Können des Kameramanns zeigt sich ja nicht in den kompliziertesten, sondern in den simpelsten Einstellungen – wenn zum Beispiel eine von zwei Personen ganz einfach hinter einer grünen Reliefglasscheibe verborgen ist und das Bild allein dadurch eine Atmosphäre von Bedrohung erhält, wie man sie mit keinem Kran und keinem Computereffekt besser erzeugen könnte. Gute Kameraleute scheinen ja ohnehin keine allzu knappe Ressource zu sein, gute Komponisten schon eher, doch auch da geht nichts schief: Die Musik ist auf dem Punkt und auffällig gut.

Über die ganze Länge fasziniert die Eleganz, mit der es dem Film gelingt, sich mit schräger Komik in der Schwebe zu halten und alltägliche Banalitäten mit Gott und Teufel in Beziehung zu setzen, wenn zum Beispiel ein kaltes Fußbad Voraussetzung für den Trip in die Hölle ist, doch gegen Ende erfährt dieses Prinzip eine Steigerung ins Grandiose. Da tritt nämlich der Teufel auf, verkörpert von Indie-Star Peter Stormare, und die letzten zehn Minuten von Constantine sind ein irres Erlebnis, das in Worten schlecht wiederzugeben ist.

Man kann sich, wenn man die Tendenz hat, Filme eher thematisch abzuhandeln, nach Botschaften zu suchen und Comics für den Untergang des Abendlandes hält, über Constantine auch sehr erregen – doch man liegt falsch damit. Solche Filme sind wie Musik, die auch keine Geschichten erzählt und keine Botschaften vermittelt. Bilder wie diese sind wie Melodien, die etwas in uns zum Klingen bringen, das jenseits der Worte liegt. Das Kino ist heute an einem paradoxen Ort angekommen, an dem jedes vorstellbare Bild sich auch herstellen läßt, doch an dem kein Mensch mehr da zu sein scheint, der dieses Geschenk auch nutzen kann. Jeder Film, der es da wagt, neue Bilder zu finden, anstatt nur auf Nummer sicher zu gehen, braucht Unterstützung, damit das Kino nicht stehenbleibt und in der Repetition des Altbekannten langsam untergeht. 1970-01-01 01:00
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