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Das Comeback

The Cinderella Man. USA 2005. R: Ron Howard. B: Cliff Hollingsworth, Akiva Goldsman, Charlie Mitchell. K: Salvatore Totino. S: Mike Hill, Dan Hanley. M: Thomas Newman. P: Brian Grazer production. D: Russell Crowe, Renée Zellweger, Paul Giamatti, Craig Bierko u.a.
144 Min. Buena Vista ab 8.9.05

Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott

Von Birgit Joest Der Boxfilm ist zäh. Als cineastisches Subgenre mit Tradition und hochemotionalem Potential taucht er nicht häufig, aber doch in schöner Regelmäßigkeit in den Kinos auf. Spätestens seit Rocky scheint jeder erfolgreiche Hollywood-Akteur, der etwas auf seine virilen Qualitäten hält, eine Rolle als Preisboxer auf der Liste haben zu müssen. Und so reiht sich Australier Russell Crowe in der Rolle des Jim Braddock mit Das Comeback ein in die illustre Gesellschaft von Sylvester Stallone (Rocky), Robert de Niro (Raging Bull), Will Smith (Ali) und – in fließenden Grenzen – Brad Pitt (Fight Club), um nur einige zu nennen.

Ron Howards Regiearbeit wiederum ist vom dramaturgischen Regelwerk eines »klassischen« Plots – armer Schlucker wird im Ring zum Helden – bestimmt, was wenig überrascht. Schließlich beruft man sich für das Drehbuch ausdrücklich auf die Biographie des irischstämmigen Boxers James Braddock, genannt Bulldog of Bergen. In den 20er Jahren kein Star, so doch erfolgreicher Boxsportler, verarmte Braddock im Zuge der Weltwirtschaftskrise vollkommen, bis er 1935 als krasser Außenseiter unerwartet ein spektakuläres Comeback im Ring gegen Max Baer feiern konnte.

Das Comeback lediglich unter dem Aspekt des »Biopics« eines hierzulande eher unbekannten Box-Heroen zu betrachten, wäre allerdings zu kurz gegriffen. Denn der Plot dieses Films scheint wie gemacht für die gegenwärtige Befindlichkeit des deutschen Publikums. Braddock, kein hochfahrender Rebell wie Muhammad Ali, sondern fürsorglicher Ehemann und Vater, verliert in einer wirtschaftlich angespannten Zeit seinen Job. Was folgt, ist ein radikaler sozialer Abstieg. Verlust von Hab und Gut, schmerzhafte Sparmaßnahmen, Leben im Slum, Tagelöhnerei, schließlich Stütze.

Zugleich ist Das Comeback, und der deutsche Titel ist nicht nur im sportlichen Sinne programmatisch, so amerikanisch, wie Kino aus Hollywood nur sein kann. Denn Das Comeback feiert Boxer Braddock als gesellschaftliches Vorbild, das den Kampf im doppelten Sinne aufnimmt. Wenn der nicht mehr ganz junge Athlet die Herausforderung des gefährlichen Schlägers Max Baer annimmt, steigt er im Grunde gegen Rezession und für Werte in den Ring, die noch heute als Urfesten des amerikanischen Systems gelten dürfen: die Familie als Keimzelle des Staats einerseits und die Verantwortung des Individuums andererseits. Howard zelebriert eingangs Ostküsten-Urbanität, um anschließend umso drastischer die Unbarmherzigkeit einer kapitalistischen Gesellschaft vorzuführen, der der Boden unter den Füßen wegbricht.

Am finanziellen und sozialen Tiefpunkt angelangt, sieht sich Braddock gezwungen, im vornehmen Club eben jener Box-Promoter betteln zu gehen, die ihm zuvor die Lizenz und damit die eigene sowie die Existenzgrundlage seiner Frau Mae und Kindern entzogen hatten. Auch sein Freund und Manager Joe Gouldt (überzeugend in der Rolle des loyalen Männerfreunds: Paul Giamatti) wird Zeuge der peinvoll ausgekosteten Szene. Letztlich ist es Joes Verdienst, daß Braddock, der sich als Tagelöhner am Hafen verdingt, wieder in den Ring steigen darf. Braddock nimmt an, obgleich seine Chancen denkbar schlecht stehen. Ziemlich außer Form gilt er schlicht als »Meat«, sprich: Futter. Dennoch nimmt er die Herausforderung an, er tut's für seine Familie. Das erste, was er neben der Stromrechnung zurückzahlen wird, ist seine Sozialhilfe.

Daß sich Joe ebenfalls längst in der Kunst des stilvollen Verarmens übt, wissen wir da noch nicht. Das erfährt man erst in einer bedrückenden Szene, in der Mae bei Joe Einlaß verlangt, um ihn davon abzuhalten, ihren Mann in einen neuerlichen Kampf, diesmal gegen den brutalen Schläger Baer, zu schicken. Lautstark wirft sie ihm vor, mit Jims Leben auch das ihrer Kinder aus reiner Profitgier aufs Spiel zu setzen, so daß sich Joe gezwungen sieht, Mae in das großbürgerliche Apartment zu bitten. In diesem Moment zieht die Kamera auf und gibt den Blick frei auf das einzige, was Joe und seiner Frau neben dem Auto und etwas teurer Garderobe geblieben ist: ein Porzellanservice, ein Tisch und vier Klappstühle, die verloren im leeren, lichtdurchfluteten Raum stehen. »Sie haben eine sehr schöne Wohnung«, würgt Mae hilflos-komisch beim gemeinsamen Tee hervor.

Der Fight gegen Baer, allegorischer Höhepunkt des Dramas, ist im doppelten Sinne ein Kampf auf Leben und Tod. Die ohnehin schonungslose, hier hervorragende Kameraführung verlangt dem Zuschauer in der Tat eine fast körperliche Leidensfähigkeit ab. Elegant schwingt sie sich durch die Seile; es ist, als steige das Publikum mit Braddock in den Ring zum Kampf mit dem fast unmenschlichen Gegner. Entsprechend nah wähnt man sich am Geschehen – die harten Schläge, die der Held einstecken muß, werden fast spür-, die Angst, das Leiden und die Zähledrigkeit des Boxers erfahrbar. Den hart erkämpften Sieg verdankt Braddock letztlich weniger seiner Physis, sondern dem im Film etwas überstrapazierten psychischen Rückhalt durch seine Familie und seinem unerschütterlichen Glauben an die Ideale des kleinen Mannes. So sieht das Gute aus, das Howard siegen läßt gegen das Unsoziale und Verrohte, das er an der Figur des großmäuligen Baer und der des skrupellosen Box-Impresarios Johnston durchexerziert: »My heart is for my family. My brains and my balls are for business.«

Gegen jeden Verdacht des Liberalen-Kinos sichert sich Howard aber tunlichst ab. Als Braddock nach der zermürbenden Arbeit am Hafen in einer Arbeiterkneipe auf Roosevelt und dessen »New Deal« hofft, wischt sein hitziger Dock-Kollege Mike alle Hoffnung auf den Staat vom Tisch: Nur durch die Arbeiterorganisationen könne man die Dinge selbst verändern. Später wird er seine Frau verlassen, um sich den Gewerkschaftlern anzuschließen, die illegal eine Wellblechhüttensiedlung im Central Park errichtet haben. Unter mysteriösen Umständen kommt Mike in einer apokalyptisch anmutenden, chaotischen Szenerie ums Leben – durch wessen Hand, die der staatlichen Exekutive oder gar die der eigenen, als entmenschlicht gezeichneten Genossen, bleibt im Dunkeln. Spätestens hier wird Howards Botschaft klar: Weder die Union noch der Präsident wird's richten. Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott. 1970-01-01 01:00
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