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Comandante

USA/E 2003. R,B: Oliver Stone. B: Alvàro Longoria, José Ibàñez. K: Rodrigo Prieto, Carlos Marcovich. S: Álex Márquez, Elisa Bonora. M: Alberto Iglesias. P: Media Producción, Pentagrama Films, Morena Films.
99 Min. Alamode ab 13.1.05

Castro

Von Frank Brenner Wenn es im Hollywoodkino einen politischen Filmemacher gibt, dann ist dies Oliver Stone. Der Regieegomane hat im Laufe seiner Karriere immer wieder die eigenen traumatischen Erlebnisse während des Vietnam-Krieges verarbeitet (Platoon, Geboren am 4. Juli), hat die Winkelzüge der amerikanischen Politik semi-dokumentarisch bloßgelegt (JFK, Nixon) oder die Befindlichkeit einer Nation aufgezeigt, die sich von Geld, Gewalt und Medien dominieren läßt (Wall Street, Natural Born Killers). Selbst in seinem jüngsten Werk, dem Monumentalepos Alexander, findet Stone Mittel und Wege, den Weg zur Macht als Allegorie auf unsere Zeit zu entwerfen.

Was liegt näher, als diesen Regisseur, dessen wilder Popstil auch immer schon dokumentarisches Material einbezog, einen Dokumentarfilm drehen zu lassen, in dessen Zentrum einer der einflußreichsten Politiker des 20. Jahrhunderts steht: Fidel Castro. Im Auftrag des US-amerikanischen Fernsehsenders HBO traf sich Stone mit einem relativ kleinen Filmteam an drei Tagen zum Gespräch mit dem kubanischen Machthaber. In den 43 Jahren an der Spitze seines Landes war Castro politischer Gegenspieler von Kennedy und Nixon gleichermaßen und auch in den Vietnamkrieg involviert – allesamt Themen, die schon seit Jahren Stones Interesse geweckt haben und zu denen er fundierte Fragen stellen kann.

Um es gleich vorwegzunehmen: Auch in diesem Dokumentarfilm ist Stone seinem etablierten Stil treu geblieben. Das dreitägige Interview mit Fidel Castro, das an den unterschiedlichsten Orten in Kuba stattfand, wurde von seinem Filmteam parallel mit mehreren Kameras festgehalten, was zu einem Output von rund 30 Stunden Material führte, die es in der Postproduktion zu sichten und gliedern galt. Comandante quillt demzufolge geradezu über von Ideen, Interviewpassagen, Archivmaterial, wilden Kameraschwenks und schnellen Schnitten. Sobald im Interview ein Stichwort fällt, ein Name oder ein historisches Ereignis, hat Stone ein passendes Zeitdokument, einen Film- oder Fernsehclip oder einfach ein Foto zur Hand, um das Gesagte auch visuell aufzubereiten. Dadurch erweist er seinem Publikum durchaus einen Gefallen, weil er damit die gedankliche Strukturierung bei dieser Flut von Informationen erleichtert.

Leider hat er seinen Film auch mit einem ununterbrochenen Klangteppich unterlegt, was mitunter aufgrund der Plakativität der musikalischen Themen unangenehm auffällt und auf die Dauer die Konzentration negativ zu beeinflussen beginnt. Wenn z.B. Evita Perón erwähnt und im Bild durch Archivmaterial vergegenwärtigt wird, ertönen die wohlbekannten Klänge »Don't Cry For Me Argentina« aus dem Andrew Lloyd Webber/Tim Rice-Musical Evita, für dessen Filmfassung von Alan Parker übrigens Oliver Stone das Drehbuch verfaßte. An solchen Stellen wünscht man sich mehr kritische Distanz und weniger massentauglichen Firlefanz.

Auf der inhaltlichen Ebene ist Stones Interviewfilm indessen durchaus diskussionswert. Zwar erliegt der Filmemacher im Laufe der gemeinsamen Zeit mit Castro immer mehr dem einnehmenden Charme des Diktators, immerhin gelingen ihm aber auch einige sehr intime Einblicke in das Leben einer Legende. Castro indes weiß diesen Film geschickt als seine persönliche Werbeplattform zu nutzen. Abgesehen von einigen publikumswirksamen Auftritten im Volk ist von den tatsächlichen Lebensbedingungen der Kubaner heutzutage ohnehin nichts im Film zu sehen.

Castro selbst hätte die Möglichkeit gehabt, Schnittauflagen an die Filmemacher zu stellen, tat dies aber nicht. Der Sender HBO wies seinerseits eine Beteiligung an dem Film weit von sich, weil Stones Ergebnis die kritische Distanz vermissen läßt. So entstand mit Comandante die politische One-Man-Show eines selbstbewußten Führers und ein mit Abstrichen sehenswertes Dokument eines politisch engagierten Filmemachers. 1970-01-01 01:00
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