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Coffee and Cigarettes

USA 2003. R,B,S: Jim Jarmusch. K: Tom DiCillo, Frederick Elmes, Robby Müller, Ellen Kuras. S: Jay Rabinowitz, Terry Katz, Melody London. P: Smokescreen Inc. D: Roberto Benigni, Tom Waits, Iggy Pop, Cate Blanchett u.a.
Pandora Filmverleih ab 19.8.04

Gesamtkunstwerk

Von Tamara Danicic Als Jim Jarmusch 1986 Roberto Benigni und Steven Wright für seine Schwarzweiß-Miniatur Coffee and Cigarettes (im Film die Episode »Strange to Meet You«) vor die Kamera holte, ahnte noch keiner, daß dies die Initialzündung für ein langjähriges Projekt werden würde. Eigentlich eine Auftragsarbeit für die Show »Saturday Night Live«, war der Kurzfilm gleichzeitig ein Abfallprodukt von Down by Law, in dem der Klassenclown Benigni aus dem Vollen schöpfen durfte. Exzessiver Koffein- und Nikotingenuß, reichlich absurde Dialoge und eine bewußte Unreinheit in formaler Hinsicht – der zur New Yorker Indie-Ikone gekürte Regisseur rockte. Über die Jahre verstreut folgten weitere Kaffeehausgespräche, zwischen Iggy Pop und Tom Waits (»Somewhere in California«, 1993 mit dem Kurzfilmpreis in Cannes ausgezeichnet), Alfred Molina und Steve Coogan (»Cousins«) oder zwischen den Wu-Tang-Clan-Rappern RZA und GZA und Bill Murray (»Delirium«). Während es sich bei den meisten Mitwirkenden um Freunde von Jarmusch handelt – darunter einige Musiker – wollte er mit anderen, wie Cate Blanchett oder Steve Coogan, schon immer mal zusammenarbeiten.

Am Ende ist ein Gesamtkunstwerk entstanden, das sich ohne jede große Geste in Jarmuschs Œuvre einreiht. Wie in den langen Werken trifft man auch hier auf diesen besonderen, jeglicher Psychologisierung aus dem Weg gehenden Blick für die alltäglichen zwischenmenschlichen Begegnungen und die »Chemie«, die dabei in Gang gesetzt wird. Und welcher Katalysator eignet sich da besser als rabenschwarzer Kaffee und blütenweiße Kippen? Vor allem im politisch so korrekten Amerika, wo die Refugien für Raucher immer dünner gesät sind und Kaffeekonsum erst von einer »Coffee Science Source« (CSS) gebilligt und quantifiziert werden muß, schweißt die eine wie auch die andere Sucht entweder zusammen oder liefert Stoff für Kontroversen - so etwa in »Those Things'll Kill Ya« oder in »Delirium«, wenn RZA ein Hohelied auf koffeinfreien Kräutertee anstimmt, während Bill Murray sich den Kaffee direkt aus der Kanne reinlitert. Auf alle Fälle funkt da was. Es ist jedoch nicht so, als kreisten die Gespräche nur um das eine Thema: Wie ein Sprungbrett führen Kaffee und Zigaretten zum angeblichen Zwillingsbruder von Elvis, zur Teslaspule oder zu der Verbindung von Medizin und Musik. Fast wie im richtigen Leben eben. Und wie nebenbei erzählen die Orte, die nichts mit den sterilen und austauschbaren Kaffeeausgabestellen à la Starbucks zu tun haben, ihre eigenen Geschichten mit.

Natürlich gibt es einzelne Episoden, die gelungener, komplexer, dichter sind als andere. So fällt etwa »Renée«, in dem eine attraktive Brünette vergeblich versucht, ungestört in ihren Waffenmagazinen zu blättern, gegenüber den unsterblichen Dialogen in »Delirium« deutlich ab. Und formal haben die einzelnen Sequenzen mit der Zeit zweifellos an Sophistication gewonnen. Nichtsdestoweniger lebt Coffee and Cigarettes vor allem auch von der Kumulation, von den zahlreichen kleinen Verweisen und Konstanten. Das wiederkehrende Schachbrettmuster oder der wiederholte Blick auf den Tisch aus der Vogelperspektive hält den Film ebenso zusammen wie Zitate aus früheren Episoden. Wenn am Ende das Voice Over die Rückkehr in die Realität ankündigt (»And now the news«) und uns aus dem letzten Kaffeehaus – das eigentlich eine Rüstkammer und Arbeitsplatz zweier älterer Herren ist (»Champagne«) – schmeißt, würde man am liebsten noch sitzen bleiben, einen Free Refill verlangen und sich genüßlich eine Kippe anstecken. 1970-01-01 01:00

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