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Code unbekannt

Code inconnu. F 2000. R,B: Michael Haneke. K: Jürgen Jürges. S: Karin Martusch, Nadine Muse, Andreas Prochaska. M: Giba Goncalves. P: Arte France Cinema, Bavaria Film u.a. D: Juliette Binoche, Thierry Neuvic, Luminita Gheorghue u.a.
118 Min. prokino ab 25.1.01
Von Natascha Kramer Schon mit der ersten Einstellung tauchen wir in ein Spiel ein: Scharade. Wir sehen ein kleines scheues Mädchen. Es schaut uns an. Es spielt uns einen Ablauf vor, immer und immer wieder, mit der Ungeduld eines Kindes, fast schon verzweifelt. Was bedeuten die Bewegungen? Wir raten mit. Schließlich sehen wir die anderen Mitspieler, allesamt Kinder. Sie hocken vor dem Mädchen auf dem Boden und beobachten ihre Gesten. Sie raten auch. Jetzt fällt uns die Stille auf. Die Kinder sind taubstumm und benutzen Gebärdensprache. Sie erraten den gesuchten Begriff nicht: Der Code bleibt unerkannt.

Haneke beginnt seine fragmentarisch komponierte Erzählung mit einem leisen Bild, das in seiner Stille und Sanftheit doch eine ungeheure und auch eigenartige Wucht entwickelt. Der Film entblößt laufend Situationen, die uns auf den ersten Blick vertraut erscheinen. Dann beginnen sie langsam zu nagen und regen das Denken an. So auch die lange Frontaleinstellung auf Anne (Juliette Binoche – in ihrer Unglamourösität unglaublich überzeugend). Anne bügelt und schaut auf den Fernseher. Wir hören nur den Ton. Sie schaut uns die ganze Zeit an. Nach einigen Minuten wirkt sie irritiert. Wir sind es auch und fragen uns warum. Beinahe gleichzeitig die Erkenntnis: Im Haus weint ein Kind. Anne stellt den Ton aus. Männergeschrei, Mädchenweinen. Es wird geschlagen. Was macht man in einer derartigen Situation? Abwarten, nachdenken, es wird wieder ruhig. Noch ein Glas Wein einschenken und weiterbügeln. Gegen Ende des Films eine Beerdigung. Wir erleben die Abschiedszeremonie am Grab, an der Anne teilnimmt und wissen doch nicht, wer gestorben ist. Erst nach Minuten ahnen wir es.

So arbeitet Haneke mit kleinen verwobenen Bruchstücken von Lebensentwürfen verschiedener Menschen, die sich an einem Punkt in ihrem Alltag zufällig begegnen. Doch es sind nicht diese Berührungen, die wichtig sind. Sie sind vielmehr Anlaß für den Film, ihre Geschichten zu erzählen. Code unbekannt bleibt ein ruhiger Film, eine Art Zeitlupenspaziergang durch die Hektik des Lebens. Er gibt uns ständig Gelegenheit, innezuhalten und zu beobachten. Zu viele Regisseure und ihre Filme versagen, weil sie den Zuschauerblick einfangen, ihm eine Richtung geben wollen und ihn dadurch einengen. Haneke läßt den Zuschauer schauen, mit offenen Augen und schließlich auch mit allen Sinnen. Auffällig sind die langen Einstellungen einer Perspektive. Jedes Kapitel beinhaltet nur wenige, dezente Schnitte. Zwischen den einzelnen Fragmenten dann jedesmal ein umso längeres Schwarz. Die Tatsache, daß der Film komplett ohne Musik arbeitet, wirkt wie eine Wohltat. Gegen Ende der Reise gibt es jedoch ein gigantisches Feuerwerk an Geräuschen: Die Gruppe taubstummer Kinder tritt als Trommler auf einem öffentlichen Platz auf. Der Rhythmus bleibt über Minuten hörbar, die Bilder wechseln. Wir verabschieden uns aus dem Leben der einzelnen Personen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #21.
© 2012, Schnitt Online

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