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City of God

Cidade de deus. BRA 2002. R: Fernando Meirelles, Katia Lund. B: Paulo Lins. K: Cesar Charlone. S: Daniel Rezende. M: Antonio Pinto, Ed Cortes. P: 02 Filmes, Video-Filmes. D: Matheus Nachtergaele, Seu Jorge, Alexandre Rodrigues u.a.
130 Min. Constantin ab 8.5.03

Gottes vergessene Kinder

Von Jutta Klocke »Kinder sind grausam«, heißt es – und meint hierzulande etwa, daß derjenige nicht mitspielen darf, der zu klein, zu dick, zu anders ist oder eben nicht das Richtige besitzt. In der Cidade de deus, einer Barackensiedlung vor den Toren Rio de Janeiros, bedeutet es, daß selbst Sechsjährige mit geladener Kanone durch die Straßen ziehen und nicht davor zurückschrecken, diese auch zu benutzen.

Die Eskalation der Gewalt wirkt in City of God ein bißchen wie die radikalisierte Fortführung des »Lord of the Flies«. Hier braucht es keine geographische Isolation mehr, um sich aller gesellschaftlich anerzogenen Werte zu entledigen; die sozialen Normen werden inmitten der Zivilisation außer Kraft gesetzt – und zwar von ihren vermeintlich schwächsten Gliedern. Meirelles zeigt eine Realität, in der die von naivem Optimismus beherrschte Forderung »Kinder an die Macht« wahr geworden ist. Die Gewalt sieht hier nicht anders aus als in der Welt der Erwachsenen; sie wirkt nur deshalb erschütternder, weil sie kein Motiv, keine Erklärung benötigt, sondern sich aus infantiler Willkür herleitet und somit unberechenbar wird.

Daß im Empfinden Einzelner noch Überreste des Sozialen, des Menschlichen existieren, flackert nur in wenigen Momenten auf. So, wenn ein Junge die groteske Wahl treffen muß, ob er nun einen Gleichaltrigen tötet oder ein noch viel jüngeres Kind. Er entscheidet sich für das ältere Opfer, geleitet durch einen rudimentär noch vorhandenen Beschützerinstinkt. Allein diese Szene macht deutlich, wie schwer es der Film dem Zuschauer macht, eine eindeutige Position den Randfiguren gegenüber einzunehmen. Regelrechte Erleichterung schaffen da die stark auf das Schwarz-Weiß-Schema reduzierten Protagonisten: der durchweg positiv besetzte Buscapé und sein Gegenpart, der vom Machtwahn getriebene Locke. Diese vereinfachte Charakterisierung bietet immerhin einen Fixpunkt in der puzzleartigen Narration und der unübersichtlichen Zahl der Charaktere.

Meirelles konzentriert sich ohnehin weniger auf die Figuren als vielmehr auf den Mikrokosmos selbst, in dem sie leben. In einer Art »epischer Langzeitstudie«, die sich von den 60er Jahren bis in die 80er erstreckt, wird die Etablierung des organisierten Drogenhandels und die zunehmende Gewalt in der Siedlung geschildert. Dementsprechend bezieht City of God seine Struktur inhaltlich wie visuell aus dem Wechsel der Dekaden.

Die vergleichsweise geradezu beschaulichen 60er Jahre erweisen sich auch für uns Zuschauer als das übersichtlichste Jahrzehnt. Die ruhige Kamera und der ordnende Schnitt wiegen in trügerische Sicherheit. Die Verbrechen erscheinen wie jugendlicher Übermut, zum Teil gepaart mit reinem Überlebenswillen. Und so wie Anfang der 70er mit dem beginnenden Drogenhandel die Verhältnisse undurchsichtiger und gefährlicher werden, so befreien sich auch Kamera und Schnitt aus ihrer Passivität.

Der Versuch aber, den Überblick zu wahren, bedeutet ein stetes Hin- und Herspringen zwischen den Figuren, ein Anhalten der Handlung, um Vor- oder Rückgriffe zu leisten. Ihren Höhepunkt erfährt diese Haltlosigkeit in der Darstellung der 80er. Schroffe Schnitte, Jump Cuts und Reißschwenks sind die Reaktion auf ein gesteigertes Tempo, dem mit der klassischen Montage scheinbar nicht mehr nachzukommen ist.

Die irritierende Wirkung, die Form und Inhalt gleichermaßen erzeugen, kann auch das Ende des Films nicht aufheben. Schlimmer noch: Der Hinweis auf die Authentizität des Gesehenen im Abspann läßt uns das Kino nur mit einer noch größeren Ratlosigkeit verlassen. Man ist versucht, seinen Blick auf die optimistische Zukunft des einzigen Hoffnungsträgers Buscapé zu beschränken. Wären da nicht wieder die Namenlosen, die seinen Weg hinaus aus der Cidade de Deus kreuzen und über ihre nächsten Opfer diskutieren. 1970-01-01 01:00

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