— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Cinemania

D/USA 2002. R,B,K,S: Angela Christlieb. R: Stephen Kijak. M: Robert Drasnin. P: Hanfgarn & Ufer. D: Jack Angstreich, Roberta Hill, Bill Heidbreder, Harvey Schwartz u.a.
80 Min. GMfilms ab 10.4.03

Die Kinogeher

Von Daniel Albers Cinemania sollte man sich nicht entgehen lassen, denn diese deutsch-amerikanische Koproduktion ist eine Freak-Show sondergleichen. Nur sind die fünf »Cinemaniacs«, deren um die Welt des Kinos herum angelegten Alltag Angela Christlieb und Stephen Kijak mit der (Hand-)Kamera begleiten, positive Verrückte, sie tun keiner Fliege etwas zuleide. Na ja, bis auf Roberta, die gerne schon mal einer Lichtspieltheaterangestellten an die Gurgel geht, wenn diese ihre Kinokarte trotz vorausgehender Warnung zerreißt. Roberta bewahrt nämlich seit 1950 alle Eintrittskarten und alles Promo-Material geflissentlich auf.

Dies sind sie also, die Ed Woods der Rezeptionsseite. Das Geld, das sie zum Überleben haben, geben sie kompromißlos größtenteils für ihre absolute Leidenschaft aus. Natürlich, sie führen eine Randexistenz, aber sie sind sich dessen bewußt und akzeptieren es gerne: »Das ist der Preis, den man bezahlt.« Jeder von ihnen ist auf seine Art extrem, und das macht sie einsam. Sie wollen nicht in dieser Welt leben, aber gleichzeitig lassen sie sich auch vom Kino keine bruchlose Traumwelt vorgaukeln. Jack zum Beispiel weist diesbezüglich ein ganz beträchtliches Potential an Selbstreflexivität auf: »Gutes Kino will uns keinen schönen Traum als Realität verkaufen, es will das Gegenteil. Filme befreien die Realität von den Träumen, damit wir die Leere erkennen, die hinter allem lauert. Mir hilft das Kino jedenfalls, auch diese Seite der Welt zu erkennen.«

Apropos Selbstreflexivität: Um das Spielchen mitzuspielen, verbietet es sich, darauf zu warten, bis dieses Kleinod irgendwann im Fernsehen läuft. Denn nur so wird einem das Vergnügen zuteil, zum Ende des Films im Kinosessel zu sitzen und den Protagonisten dabei zuzusehen, wie sie selbst im Kinosessel sitzen und sich wiederum auf der Leinwand dabei beobachten, wie sie als Projektion wirken.

Und vielleicht hat Bill ja Glück, und der Film bringt einen weiblichen Kinofan dazu, sich seine liebevolle und ganz und gar unprätentiöse Kontaktanzeige zu Herzen zu nehmen und ihm seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen, irgendwann einmal eine Frau »aus einem Land der Europäischen Union« zu heiraten, mit der er sich sein ganzes Leben lang Nouvelle Vague-Filme ansehen und über diese unterhalten kann. Er hat auch was zu bieten: Seine Visitenkarte weist ihn als Anglistik-Bakkalaureaten, Autor und Philosophen aus; er hält sie zum Beweis in die Kamera. Zugegeben, inzwischen wurde ihm ärztlich eine stark ausgeprägte Zwanghaftigkeit attestiert, aber wenn die ihn in einer gerechten Welt erhörende Europäerin ihm endlich das Gegenteil der lebenslang erfahrenen Unmöglichkeit der Koexistenz von Kinosucht und Sex beweisen würde, wäre das sicher Schnee von gestern.

Angela Christliebs liebevolle Nahaufnahme der New Yorker Kino-Junkies macht Laune. Sie verzichtet auf jeglichen Kommentar und läßt so dem natürlichen Prozeß freien Lauf, der den Betrachter dazu bringt, aus einer anfänglichen Fassungslosigkeit über das Ausmaß der Skurrilität der Protagonisten heraus die Freude an der Vielfältigkeit möglicher Lebensgestaltungen zu entdecken und die Fünf ins Herz zu schließen.

Filmstills und Ausschnitte aus Klassikern wie Breakfast at Tiffany's wiegen sich zwischen den Interviews immer wieder im Takt zu Robert Drasnins gelassenen Klängen. Lediglich der leicht dadaistisch anmutende Titelsong von Stereo Total nervt ein wenig. Ansonsten jedoch bietet Cinemania eine auf ganzer Linie erfreuliche kleine Erweiterung des Diskurses »Film reflektiert Film«, zu dem es in jüngerer Vergangenheit auf der Seite der fiktionalen Produktionen von Cinema Paradiso über Barton Fink bis hin zu Get Shorty immer wieder sehenswerte und häufig ähnlich amüsante Beiträge gegeben hat. Von der Tatsache, daß erst kürzlich Bellaria, Douglas Wolfspergers ähnliche, ebenfalls dokumentarische Variation des Themas in den Kinos zu sehen war, wollen wir uns das Vergnügen übrigens auf keinen Fall vermiesen lassen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap