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Die chinesischen Schuhe

D/F/CHN 2004. R,B,S: Tamara Wyss. K: Lutz Reitemeier. S: Anette Fleming. P: Mediopolis, RBB, NDR, SWR, arte, China International Communication Center.
104 Min. Piffl Medien ab 9.6.05

Zeitsprünge

Von Frank Brenner Im Jahr 1911 reiste Hedwig Weiss-Sonnenburg mit ihrem frisch angetrauten Ehemann Fritz Weiss den Yangtse-Fluß hinab in Richtung Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sechuan. Fritz Weiss war nach seinem Heimaturlaub in Deutschland, auf dem er seine künftige Ehefrau kennengelernt hatte, wieder auf dem Weg zu seiner Arbeitsstätte, denn er war seinerzeit deutscher Konsul in China. Die Reise des jungen Ehepaares wurde ausführlich dokumentiert, in Form zahlreicher selbstentwickelter Fotographien, umfassender Tagebuchaufzeichnungen und sogar selbst produzierter Wachsplattenaufnahmen. Neunzig Jahre danach machte sich die Enkelin der beiden, die Filmemacherin Tamara Wyss, daran, die abenteuerliche Reise noch einmal zu unternehmen, filmisch festzuhalten und Orte aus den Fotographien wiederzuentdecken.

Neunzig Jahre im Jahrhundert der Industrialisierung, Technologisierung und Globalisierung gehen natürlich auch an chinesischen Provinzen nicht spurlos vorüber. Nur wenige Motive aus den historischen Bildern konnte Wyss für ihren Film eindeutig ausfindig machen. Immerhin hatte sie mit einigen sehr betagten Zeitzeugen (die Chinesin, der die titelgebenden antiken Schuhe gezeigt werden, ist stolze 110 Jahre alt und verfügt über ein ausgezeichnetes Gedächtnis) die Chance, sich Zusammenhänge und längst der Vergangenheit angehörende Sachverhalte aus erster Hand erklären zu lassen. So erfährt der Zuschauer vom beschwerlichen Beruf der Treidler, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts noch dafür verantwortlich waren, die Dschunken mittels Seilen durch die Stromschnellen des großen Flusses zu ziehen. Auf ihrer Reise begegnet Wyss auch zahlreichen Menschen, die ihre Wohnungen nach Jahrzehnten schweren Herzens aufzugeben hatten, da diese dem gigantischen Bauvorhaben des Drei-Schluchten-Staudamms weichen mußten. In Chengdu angekommen, nutzt die Filmemacherin die historische Stätte, um vom Sturz des chinesischen Kaiserreiches und der Gründung der Republik zu berichten, die sich just in den Tagen ereignete, als das Ehepaar Weiss 1912 seinen Bestimmungsort erreicht hatte.

All diese geschichtlichen Ereignisse werden auf überzeugende Weise mit den privaten Eindrücken von einst und heute verbunden und zu einem interessanten Gesamtwerk zusammengeführt. Ob dieser Stoff für die große Leinwand geeignet ist, sei dahingestellt. In seiner nüchtern-überlegten Inszenierung und seiner unspektakulären Machart erinnert Die chinesischen Schuhe freilich mehr an professionell gemachte Fernsehdokumentationen. Die faszinierenden Einstellungen der beeindruckenden Landschaften und des riesigen Staudammes hingegen können erst im Kino ihre wahre Größe entfalten. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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