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Children of Men

USA 2006. R,B: Alfonso Cuarón. B: Tim Sexton, David Arata. K: Emmanuel Lubezki. S: Alex Rodriguez. M: John Tavener. P: Universal Pictures, Strike Entertainment, Hit & Run. D: Clive Owen, Julianne Moore, Michael Caine u.a.
108 Min. UIP ab 9.11.06

Die Furchtbarkeit der Unfruchtbarkeit

Von Dietrich Brüggemann Es gibt Filme, die beschreiben die Realität. Und dann gibt es Filme, die erzählen von imaginären Welten. Selten aber gibt es Filme, die beides bewerkstelligen. Children of Men ist so ein Film. Zunächst konfrontiert er uns mit einem eher abseitigen Was-wäre-wenn-Szenario – dann aber macht er eine Geschichte daraus, deren Realismus einem ins Gesicht springt.

Der Mexikaner Alfonso Cuarón, der zuletzt den dritten Teil der Harry-Potter-Serie in Szene setzte, hat in Children Of Men ein 1993 erschienenes Buch der britischen Autorin P. D. James adaptiert.

Am Anfang steht eine waghalsige Idee: Um das Jahr 2009 herum werden aus rätselhaften Gründen keine Kinder mehr geboren. Die Menschheit wird unfruchtbar. Der jüngste Mensch der Welt ist im Jahr 2027 gerade 18, als er von einem seiner Fans aus Versehen umgebracht wird, während wir in einem grauen, depressiven London unserem Helden Theo begegnen, einem desillusionierten Beamten, gespielt von Clive Owen. Großbritannien ist ein Polizeistaat, die Fenster sind vergittert, in den Wäldern hausen Räuberbanden, Flüchtlinge strömen ins Land und werden in Käfige gesperrt, die Müllabfuhr scheint seit Jahren zu streiken, die Welt ist kein angenehmer Ort mehr – und dabei ist England noch die Insel der Seligen, denn der Rest der Welt ist komplett im Chaos versunken. Theo besucht gelegentlich einen lustigen Althippie, der in einer Waldhütte haust und Gras anbaut, sonst passiert wenig in seinem Leben, bis seine Ex-Frau, mittlerweile Untergrundaktivistin, ihn eines Tages entführen läßt und ihm einen Auftrag gibt: Er soll eine junge Frau außer Landes schaffen – selbige ist nämlich im achten Monat schwanger. Theo beginnt eine Reise, die bald zur Flucht wird, und versucht inmitten einer Menschheit, die sich im Angesicht des Unterganges selbst zerfleischt, sein eigenes und das werdende Leben zu retten.

Das ist nun eine ziemlich gewagte Geschichte, aus der man auch einen ganz furchtbaren Film hätte machen können. Daß es kein solcher geworden ist, liegt zum einen am erbarmungslosen Detailrealismus der Filmemacher, an der konsequenten Ernsthaftigkeit, mit der die Idee bis zum Ende durchgezogen wird, und zum anderen am großen Mut zu großen Lücken. Es gehört nämlich viel dazu, sich eine ganze Welt auszudenken, und die meisten scheitern daran – Hollywoods imaginäre Welten wirken oft eher wie ein Kinderzimmer, dem man entwachsen ist. Das Jahr 2027 aber, das wir hier sehen, ist akribisch durchdacht und zugleich voller Seitenhiebe auf die Welt, in der wir heute bereits leben. Andererseits aber läuft Cuarón nicht in die Falle, alles erklären zu wollen. Er läßt Leerstellen, zu denen man sich selber was denken darf – wo kam die Unfruchtbarkeit eigentlich her? Wo geht die Reise am Ende hin? Keine Ahnung. Macht auch nichts. Denn im Kern erzählt er keine komplette Geschichte, sondern stellt Fragen: Würden wir uns wirklich so verhalten? Befinden wir uns schon auf einem Weg, den dieser Film einfach ins Groteske überzeichnet?

Und damit geht Children of Men auch übers Science-Fiction-Genre hinaus, denn er entwirft nicht nur eine Parallelwelt wie Blade Runner oder Brazil, sondern er verknüpft sie ganz direkt mit unserer Realität und fühlt sich streckenweise, auch durch die agile Handkamera und die ausgebleichten Farben, fast an wie ein aus der Zukunft gefallener Dokumentarfilm. Clive Owen in der Hauptrolle ist außerdem eine traumhafte Besetzung: Nirgends wirft er sich in Pose, nie hält er uns sein Heldentum demonstrativ unter die Nase, und gerade dadurch wird er einer der charismatischsten Kinohelden der letzten Zeit. Da ist es denn auch zweitrangig, daß auf der Tonspur mehr mystische Choräle gesungen werden als bei Der Herr der Ringe, obwohl deutlich weniger völlig ausgereicht hätten, denn Alfonso Cuarón hat immer noch genug Geschmack, die Musik auch rechtzeitig wieder abzudrehen.

Daß der ganze Film nun außerdem wirkt wie eine absurde Parodie auf die Fortpflanzungsdebatte, mit der Deutschland sich momentan selber auf die Nerven geht, ist wohl eher Zufall und zugleich auch nicht, denn das Thema, wie es mit der Menschheit überhaupt weitergehen soll, liegt ja irgendwie in der Luft. Normalerweise reden alle von Bevölkerungsexplosion, hier ist es mal auf den Kopf gestellt. Und obwohl die zentrale Idee ein Phantasiegebäude ist, ergibt sich am Ende ein Film, der einen mitreißt und lange nachwirkt. 1970-01-01 01:00

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