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Chihiros Reise ins Zauberland

Spirited Away / Sen to Chihiro no kamikakushi. J 2001. R,B: Hayao Miyazaki. S: Takeshi Seyama. M: Joe Hisaishi. P: Studio Ghibli, Tokuma Shoten, Nippon TV Network u.a.
125 Min. Universum ab 19.6.03

Symbolisch verdichtet

Von Daniel Albers Dieser Zeichentrickfilm ist ein Phänomen. In Japan ist er mit bis dato mehr als 21 Millionen Zuschauern der erfolgreichste Film aller Zeiten, und er hat das Potential, auch bei uns zumindest annähernd an den Zeichentrick-Konkurrenten »Werner« heranzureichen. Auch in der Kritikergunst in aller Welt schwimmt das fernöstliche Leinwandrätsel auf der Welle des Erfolgs: Goldener Bär bei der Berlinale 2002 als erster Zeichentrickfilm überhaupt, Oscar 2003 als Bester Animationsfilm, weitere Preise in Asien und dem Rest der Welt.

Doch was ist das Geheimnis des Erfolgs? Die sowohl inhaltlich wie formal sorgfältige und liebevolle Zeichnung der Hauptcharaktere? Das von Anfang bis Ende durchgehaltene, aber nie überladen wirkende Vorantreiben der Handlung? Die Offenheit des Plots für die unterschiedlichsten Interpretations- und Rezeptionsweisen? Eins steht fest: Um einen universellen Massengeschmack für Publika aller Welt zu bedienen, wurden nicht viele Kompromisse gemacht. Playstation-gewohnte Kinder und Jugendliche mögen ja durch die vielen abstrusen Gestalten des Films nicht überrascht sein. Einen erwachsenen Durchschnitts-Kinogänger jedoch, der nicht unbedingt mit vielen Animes in seiner Rezeptionshistorie aufwarten kann, überkommen zuweilen Anflüge von Befremdung, wenn er mit einem »Faulgott«, einem riesigen animierten Schlammklumpen, konfrontiert wird (bei rechtem Licht betrachtet hat er allerdings etwas von »Jabba The Hutt«).

Jedoch weiß der Plot um die Erlebnisse des kleinen japanischen Mädchens Chihiro durch seine Vielschichtigkeit zu überzeugen. Auf dem Weg zur neuen Bleibe in einem Vorort von Tokio verfahren ihre Eltern sich, und die kleine Familie steht vor einem alten Eingangsportal zu etwas, das die Erwachsenen für einen verlassenen Vergnügungspark halten. Als sie jedoch ein üppiges Buffet erblicken und sich gierig daran gütlich tun, verwandeln sie sich vor den Augen ihrer besonneneren Tochter in fette Schweine. Chihiro, nun auf sich allein gestellt, betritt die in der Dunkelheit plötzlich zum Leben erwachende »Schattenstadt« und sieht sich vor der unlösbar scheinenden Aufgabe, ihre Eltern retten zu müssen. Doch zum Glück findet sie im gewitzten Haku gleich einen treuen Freund, der ihr hilft, die strengen Regeln in der von der furchterregenden Yubaba beherrschten Stadt – die als Wellness-Hochburg für gestreßte Götter bezeichnet werden könnte – für ihre eigenen Zwecke auszunutzen.

Atmosphärisch brillant, mitreißend und mit nur wenigen störenden Momenten (ein elendig nervendes echtes Riesenbaby) umschifft der Film alle Kitschriffs, was man ihm gar nicht hoch genug anrechnen kann. Denkbar ist, daß dieser Film dem japanischen Anime in Deutschland zu einem großen, weiteren Popularitätsschub nach Prinzessin Mononoke verhelfen wird. Dieser war übrigens der letzte Film aus der Feder von Hayao Miyazaki, über den Altmeister Akira Kurosawa sagt: »Man darf die Bedeutung von Miyazakis Arbeit nicht herabsetzen, indem man sie mit meiner vergleicht.«

Aus Chihiros Reise ins Zauberland ließen sich aufgrund seiner ungeheuren symbolischen Verdichtung viele Botschaften ableiten. Eine jedoch ist deutlich herausgearbeitet und durchzieht überzeugend den ganzen Film: Wir (und damit ist vor allem die Jugend gemeint) müssen jetzt und auf eigene Faust beginnen, den selbstzerstörerischen Tendenzen in unserer Gesellschaft entgegenzuwirken und Prinzipien wie Menschlichkeit und Verantwortlichkeit wiederzuentdecken. Ein starkes Statement in ansprechendem Gewand. 1970-01-01 01:00

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