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Charlie und die Schokoladenfabrik

Charlie and the Chocolate Factory. USA/GB 2005. R: Tim Burton. B: John August. K: Philippe Rousselot. S: Chris Lebenzon. M: Danny Elfman. P: Brad Grey, Richard D. Zanuck. D: Johnny Depp, Freddie Highmore, David Kelly, Christopher Lee u.a.
115 Min. Warner ab 11.8.05

Wenn Träume Schokolade werden

Von Patrick Hilpisch »Können Sie sich an Ihr erstes Stück Schokolade erinnern?« – Eine harmlose und durchaus berechtigte Frage, steht man einem der größten Chocolatiers der Welt gegenüber. Doch die unschuldige Wißbegierde des kleinen Charlie Bucket konfrontiert den ebenso erfolgreichen wie exzentrischen Schokoladenfabrikanten Willy Wonka mit einem lange verdrängten und tiefsitzenden Kindheitstrauma: dem dysfunktionalen Verhältnis zu seinem Vater; einem gestrengen und pflichtbewußten Zahnarzt, der seine Vaterliebe nur in der Sorge um Wonka Juniors Mundhygiene ausdrücken konnte und folglich jegliches karieserzeugende Naschwerk untersagte.

Die psychologisierende Rückbindung der außergewöhnlichen Süßwaren-Obsession der in der Romanvorlage Roald Dahls nahezu mystisch schillernden Wonka-Figur stellt eine der einschneidendsten Veränderungen der Burton-Verfilmung dar und schreibt den Schokoladenbaron zu einem jener tragischen Charaktere um, die seit zwei Dekaden das Burtonsche Filmuniversum bevölkern. Das zentrale Thema des Stoffes – der fundamentale Wert eines intakten Familiengefüges, das sich durch Liebe, Respekt und Rücksichtnahme auszeichnet – weitet Tim Burton durch die »Entzauberung« des scheinbar unnahbaren, der Realität entrückten Wonka somit auf alle im Film agierenden Figuren aus.

Diese figurenbezogene »Gleichschaltung« wird nicht der einzige Rekurs auf das bisherige Filmwerk des amerikanischen Kinovisionärs bleiben. Weit vom oft artifiziell anmutenden Eklektizismus mancher seiner Kollegen entfernt, gelingt es Burton, ein höchst selbstreferentielles Filmgewebe auf die Leinwand zu bringen, das mit seiner grundlegenden visuellen Konzeption, der kunstvollen Einbettung bekannter Motivkomplexe und den Akkord- und Tempiwechseln des Soundtracks (erneut kongenial von Hauskomponist Elfman arrangiert) eine Vielzahl an Assoziationen und Déjà-vu-Erlebnissen hervorruft, ohne dabei überfrachtet oder unmotiviert zu wirken, sondern stets organisch und durchdacht daherkommt. Der schräge Burtonsche Filmkosmos erweist sich hier als ideales Zeichenreservoir für eine adäquate filmische Auseinandersetzung mit der bunten Phantasiewelt der Kinderbuchvorlage.

Als Willy Wonka fünf Kindern ermöglicht, seine sagenumwogene Fabrik zu betreten, macht er Träume wahr - das könnte man jedenfalls glauben. Doch im Laufe des Rundgangs durch die jenseits jeglicher Vorstellungskraft liegenden Produktionsstätten der Wonka-Fabrik muß man feststellen, daß dies in Wahrheit nur auf einen der Auserwählten, den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Charlie Bucket, zutrifft. Die anderen vier Kinder entpuppen sich als durch und durch - im wörtlichen wie im übertragenen Sinne - gesättigte Sprößlinge, der Fähigkeit zum Träumen nahezu vollkommen beraubt. An die Stelle von Träumen rücken bei ihnen Obsessionen: maßlose Freßsucht im Falle des dicken Deutschen Augustus Glupsch, extremer Warenfetischismus bei der verwöhnten Veruschka Salz, Violetta Beauregardes krankhafte Ruhmsucht und die aggressive Altklugheit des videospielsüchtigen Mickey Schießer. Charlie hingegen hat noch Träume.

Indem er die Erziehungsberechtigen der vier Problemkinder präsentiert, macht Burton unmißverständlich klar, wo die Ursache für solche Fehlentwicklungen liegen. All die Unzulänglichkeiten, Oberflächlichkeiten und Indifferenzen, die die Eltern im Umgang mit ihren Kindern an den Tag legen, koppeln sich auf fatale Weise auf diese rück. Dabei wohnt gerade den stereotypen und klischeehaften Figurenprofilen der Märchenvorlage, die in einem anderen Genrekontext als plakativ zu bezeichnen wären, ein enormes inszenatorisches Potential inne, das Burton gewohnt souverän und amüsant umzusetzen weiß.

Getreu dem biblischen Motto »Die Sünde gegen den Sünder kehren« werden die vier »Opfer falscher Erziehung« während der Tour durch die Fabrik mit Situationen konfrontiert, die sie dazu zwingen, sich analog zu den ihnen anerzogenen, krankhaften Handlungsmustern zu verhalten. Dies hat jeweils eine entsprechend unangenehme, aber visuell ansprechend inszenierte Sanktion zur Folge und wird von Wonkas kleinen Helfern, den multitalentierten Umpa Lumpas, mittels eines eigens für diese Situation komponierten Songs und einstudierter Tanzeinlagen kommentiert. In solchen Sequenzen versüßt Burton den erwachsenen Zuschauern den Kinogenuß durch zahlreiche Anspielungen auf die Filmgeschichte: seien es die Busby Berkeley-Choreographien, visuelle Anleihen beim Wizard of Oz oder eine interessante Theorie über den Ursprung des Monolithen in Kubricks 2001 – A Space Odyssey.

Ein falsches Verständnis elterlicher Fürsorgepflicht hat auch Willy Wonka zu dem werden lassen, was er ist: ein wirklichkeitsentrückter Phantast, der nicht – wie Charlie zunächst denkt – einen Traum lebt, sondern ebenfalls eine tragische Obsession. Nicht die glücklichen Augen der Kinder sind Wonkas Motivation für seine akribische Arbeit, sondern die bloße Selbstbeweihräucherung seines zuckrigen Genies. Als Charlie erkennt, daß der Traum von Schokolade zum zwanghaften, egomanischen Alptraum geworden ist, der gemäß Wonkas misanthropisch anmutender Lebensphilosophie zu einer einsamen Existenz auf dem Schokoolymp verpflichtet, kann er als Gewinner des von Wonka »ausgeschriebenen« Hauptpreises, das verlockende Angebot, die Fabrik zu übernehmen, nur ablehnen. Trotz größter materieller Not ist er sich der Zuneigung und Unterstützung seiner Eltern und Großeltern sicher. Und eben dies ist es, was Burtons kleinen Helden zu einem wahrhaft reichen und außergewöhnlichen Jungen macht. Ein Reichtum, der mit keiner Schokolade und keinem Geld der Welt aufzuwiegen ist.

Dieser zugleich simplen als auch stichhaltigen Logik kann sich auch Willy Wonka nicht entziehen. Die Entscheidung, sich von seiner asozialen, hermetischen Existenz zu befreien und sich dem zwischenmenschlichen Bereich zu öffnen, legt den Grundstein für die Versöhnung mit seinem übervorsorglichen Vater und ein zuckersüßes Happy-End, das in solcher Form nur im Märchen vorkommen kann – und in einem Burton-Film anno 2005. 1970-01-01 01:00
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