— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Chanson d'Amour

Quand j'etais Chanteur. F 2006. R,B: Xavier Giannoli. K: Yorick Le Suax. S: Martine Giordano. M: Alexandre Desplat. P: Europa Corp., Rectangle. D: Gérard Depardieu, Cécile de France, Mathieu Amalric u.a.
112 Min. Prokino ab 18.1.07

De minimis

Von Thomas Warnecke Daß Mick Jagger kürzlich gestorben sei, erfährt der Sänger im Titel-(gebenden) Song, als er gerade den Tod des Schlagerstars Sylvie Vartan betrauert. Es ist der Blick in die nicht allzu ferne Zukunft des Alain Moreau, der sich und seinem Publikum das Gefühl gibt, der letzte seiner Zunft zu sein, und zurückblickend sagen kann, daß er eine gute Zeit gehabt hat. Bevor er allerdings zu singen beginnt, weist er noch darauf hin, daß es nachher noch eine vom Bürgermeisteramt organisierte Tombola geben werde. Am Rand der Bühne steht ein Leuchtkasten, auf dem die Telefonnummer von »Alain Moreau et son orchestre« angezeigt wird.

Anhand weniger Tage entwirft der Film das Porträt eines Provinzsängers, in dessen Ellipsen ein ganzes Leben sichtbar wird; die vermeintlich bewegte Vergangenheit ist als unverzichtbares Ingrediens Teil der Show (wir erinnern uns kurz an F. Merz – stop, reicht!), und Depardieu als Alain Moreau ist deswegen eine kleine Sensation in diesem Film, weil seine bewegte Vergangenheit mit einer nachgerade gigantischen Anzahl an Rollen einem während keiner seiner Szenen in den Sinn kommt: Beiläufig wie der Film selbst liefert er ein Musterbild an glücklicher Ambitionslosigkeit – daß er selber singt und die Lieder deshalb dem relativ schmalen Rahmen seiner gesanglichen Möglichkeiten angepaßt sind, verstärkt nur den Doku-Charakter von Chanson d'amour: die Songs sind nicht in erster Linie schlecht, sondern einfach simpel, kleinster gemeinsamer Nenner der zum Tanzen versammelten Singles und Paare. Eine großartige Performance, weil hier kein Können ausgestellt wird, trotz Pilotenbrille und Herrenhandtasche spielt Depardieu keine Karikatur oder biedert sich an trashigen Porno-Chic an, mit den Worten seiner Figur: »Alain Moreau duzt nicht.«

Den Satz sagt er Marion, die im Maklerbüro seines Freundes Bruno angefangen hat, um ihr sein zwar heiteres und bescheidenes, aber auch ernstgemeintes Berufsethos zu verdeutlichen. In all dem spiegelt sich geradezu programmatisch der Film selbst wider, und die so undramatisch wie möglich inszenierte Ménage à trois scheint nur ein Zugeständnis ans Fiktionsbedürfnis zu sein. Ist ja auch ein wenig zum Fürchten, Cécile de France scheint Depardieu physisch weit weniger entgegensetzen zu können als z.B. Monica Bellucci in Wie sehr liebst du mich?, und wieder spielt sie hier, wie schon in Ein perfekter Platz, eine etwas traurige Symbolfigur der demographischen Wende: allein unter Alten. Aber sie ist so unwahrscheinlich bezaubernd, daß Erinnerungen an Jean Seberg in Bonjour tristesse aufkommen. Die Drehbuchidee, daß Marion Alain ständig durch leerstehende Häuser führt, wäre inszenatorisch sicher noch ausbaufähig gewesen, abgesehen davon finden Giannoli und seine Zuschauer aber tatsächlich im Geringfügigen das Glück. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #45.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap