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Ceský Sen – Der tschechische Traum

Ceský Sen. CZ 2004. R,B,K: Vít Klusák, Filip Remunda. S: Ždenek Marek. M: Hynek Schneider. P: Filip Cermák.
87 Min. RealFiction ab 6.4.06

Hyper! Hyper!

Von Sebastian Gosmann In der Haut von Vít Klusák und Filip Remunda möchte man am 31. Mai 2003 nicht gesteckt haben. Denn an diesem Tag kam es zu einem Showdown vor den Toren Prags, der für die beiden leicht in einem längeren Krankenhausaufenthalt hätte enden können.

Doch springen wir zunächst ein paar Monate zurück. Zwei junge, unscheinbare Filmstudenten stehen auf einer weitläufigen Wiese und wagen die kühne Voraussage, in nicht allzu ferner Zeit an ein und demselben Ort von einigen tausend Menschen umringt zu sein. Der Grund: Ceský Sen (Der tschechische Traum). So der vielversprechende Name des fiktiven Hypermarktes, für den in den vergangenen Wochen eine unfaßbar freche Marketingkampagne gefahren wurde. Unterstützt von einer weltbekannten Werbeagentur, haben die beiden Filmemacher das tschechische Volk mit ihren TV- und Radiospots, Leuchtreklamen und Zeitungsanzeigen regelrecht penetriert; der schleimige Werbesong ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten: »Die Wiesenblumen duften sehr, und hast du keinen Heller mehr, dann leih dir was und sag: Ich erfüll mir einen schönen Traum.«

Klusák und Remunda entlarven mit ihrem Film die Doppelmoral der Konsumindustrie, wenn ihnen die Marktforscher nach ihrer sicherlich wohlvergüteten Hilfestellung ihre auf Anstand und Moral (soso!) fußende Abneigung gegen das Projekt entgegenbringen und ihr eigenes Verhalten mittels eines hanebüchenen Vergleichs rechtfertigen: »Ärzte können sich ja auch nicht aussuchen, wen sie behandeln und wen nicht.« Lustigerweise melden auch die ob der zu erwartenden Publicity mitstreitenden Werbeprofis von BBDO bald ihre Bedenken an – hinsichtlich einer solch verlogenen Aktion. Und verkennen somit ihre eigene fragwürdige Position im Spiel um die Manipulation der Massen.

Die Bilder der auf die bunte Supermarkt-Kulisse losstürmenden (etwa 4.000!) Menschen könnten ebenso in den frühen 90ern entstanden sein. Die Kauflust im postsozialistischen Tschechien scheint immer noch ungebrochen, die Zeiten der Rationierung nicht vergessen.

Was Der tschechische Traum aber so unwiderstehlich unterhaltsam macht, sind die tschechischen Konsumenten, deren »Hypermarketomanie« – übrigens ein Begriff, der es tatsächlich in die aktuelle Ausgabe des tschechischen »Wörterbuchs für Neologismen« geschafft hat – Anlaß gibt zu so manchem Lacher. Doch ist es ein eher zweifelhaftes Vergnügen, den Worten von Menschen Glauben schenken zu müssen, die nicht zögern, dem Konsumtempel vor der Stadt den Wert einer Wohlfühloase zuzusprechen. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #42.
© 2012, Schnitt Online

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