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The Cemetery Club

Mo'adon Beit Ha'kvarot. IL 2006. R,B: Tali Shemesh. K: Shark De Mayo. S: Aliza Esquira. M: Eldad Gwetta, Rona Kenan. P: Norma Productions.
90 Min. Ventura ab 29.3.07

Das Schweigen der Gräber

Von Lina Dinkla Tali Shemesh gelingt mit The Cemetery Club etwas ganz besonders Großartiges. Zurecht wurde ihr dafür unter anderem die goldene Taube des Dokfestivals Leipzig verliehen, die sie sich interessanterweise mit der iranisch-österreichischen Produktion Exile Family Movie teilen mußte, in der ebenfalls sehr ergreifend, berührend und mit viel Witz ein schwieriges Kapitel Familiengeschichte bearbeitet wird.

Über fünf Jahre war Shemesh damit beschäftigt, diesen Film, der vor allem ein ganz eigennütziges Anliegen war, fertig zu stellen. Und, wie sie selbst sagt, hat sie am stärksten daran gezweifelt, daß die Arbeit daran jemals ein Ende finden würde.

Einserseits ausgehend von der ganz persönlichen Geschichte ihrer eigenen Familie wirft sie andererseits einen umfassenden Blick auf eine bestimmte Einwanderergeneration Israels. Und setzt eine Klammer um diese besonderen Existenzen mit ihrer deutschen Vergangenheit auf der einen Seite und ihrem gegenwärtigen Alltag in Israel und ihren eigenen Sichtweisen auf die Geschichte und Politik dieses Landes auf der anderen Seite. Mit einem ironisch persönlich lakonischen Zugang entdeckt sie ein völlig anderes Bild von der Holocaustgeneration; überraschend unerschrocken nähert sie sich den Traumatisierten, den versehrten Überlebenden von einer ungewöhnlich humorvollen Seite, beobachtet, befragt, stellt sie in einer Weise dar, wie man es nicht oft zu sehen bekommt.

Eine Gruppe von polnischen und deutschen Juden, alle dürften so um die 70, 80 oder älter sein, trifft sich regelmäßig auf einem Teil des Nationalfriedhofs in Jerusalem, der sich idyllisch gelegen auf dem Mount Herzl befindet. Ziel und Zweck dieser Zusammenkünfte ist es – neben dem herzhaften Diskutieren von Fragen der Literatur, Geschichte und Philosophie – der Einsamkeit des Alters vorzubeugen. Darüber hinaus verpflichtet sich jedes Mitglied mit Punkt 5 der Satzung der »Mount Herzl Academy« dazu, zu jedem dieser Treffen einen Klappstuhl mitzubringen.

Shemeshs Großmutter Minya und deren Schwägerin Lena gehören seit den Gründungstagen dazu und machen sich einmal in der Woche mit besagter Sitzmöglichkeit und allerlei Proviant in Tupperdosen unterm Arm auf den Weg zur nächsten Tagung. In gemächlichem Tempo geht es vorbei am massiven Grabstein von Theodor Herzl, dem Wegbereiter des politischen Zionismus und weiter an den Gräbern der Toten aus dem ersten arabisch-israelischen Krieg von 1948. Und dann wird in mal größerer, mal kleinerer Runde heiß über Kants Einfluß auf die modernen Gesellschaftsformen und Hitlers Auslegungen seiner Theorien diskutiert, Gedichte von Kästner vorgetragen und nicht selten muß ein Vortrag abgebrochen werden, weil Tränen die Stimme stocken lassen. Daß Shemesh es schafft, in solchen ergreifenden Momenten dabei zu bleiben, mitunter die Gesichter noch näher einzufangen und das bar jeglichem Anflug von unangenehmer Sentimentalität oder Zurschaustellung ist schier unglaublich.

Im Zentrum stehen aber die beiden alten Damen Lena und Minya. Beide stammen aus Lodz, haben dort als Kinder in nächster Nachbarschaft gelebt und sich nach dem Krieg zufällig wiedergefunden. Lena ist eine dominante, gebildete, auch etwas verrückte kleine Person. Sie war Juristin und hat einige Jahre in Wroclaw als Strafrichterin gearbeitet, bevor sie mit ihrem Mann Yisrael, Minyas Bruder, und den beiden Kindern nach Israel auswanderte.

Schon in der ersten Szene wird man von ihrem eigenwilligen, anstrengenden, nichts desto trotz liebenswerten Charakter auf die Probe gestellt. Mit einer Bestimmtheit untersagt sie ihrer Nichte die Academy im Film als »Cemetery Club« zu bezeichnen. Und erst recht den ganzen Film so zu nennen. Nachdem sie sich mehrere Minuten lang richtiggehend empört über diese abwegige Idee ausgelassen hat, erscheint der Titel des Films im Bild. Und nach und nach bekommt dieser Titel – natürlich – immer mehr Sinn. Nicht nur, daß sich tatsächlich viele Szenen auf dem Friedhof abspielen, dass alle Beteiligten dem Tod durch Nazideutschland nur sehr knapp entkommen konnten, sondern am eindringlichsten sind eigentlich die Bilder, die während der Trauerfeiern, der im Laufe der Dreharbeiten verstorbenen Mitglieder der »Mount Herzl Academy«, entstanden sind. Denn diese Bilder sagen eindeutig: dies ist eine Friedhofsgesellschaft. Punkt.

Minya ist die schweigsamere von beiden, ruhig, aber alles andere als passiv. Sie kann die Filmhandlung in eher unterschwelliger Weise vorantreiben. An die ungehaltenen Ausbrüche ihrer Schwägerin hat sie sich längst gewöhnt und das ermöglicht ihr zum Beispiel auf deren zusammenhangslosen Vorwurf, nicht studiert zu haben, ironisch gelassen zu erwiedern, dass es ihr leid tue, so ignorant geblieben zu sein.

Natürlich sind diese beiden Figuren ein Geschenk für Shemesh, denn die beiden erzählen gerade in der Interaktion viel mehr über sich und darüber hinaus auch von der alltäglichen Befindlichkeit als Überlebende, als es jemals in einer Interviewsituation möglich wäre. Dann liefert sie den beiden mit ihren Fragen zudem soviel persönlichen Zündstoff, dass allerlei Familiengeheimnisse und verdrängte Erinnerungen, über die schon lange nur noch geschwiegen wurde, wieder auf den Tisch kommen können. Das Verschwinden von Lenas Sohn Yoram, der Tod von Yisrael, die Kindheit im Ghetto, die ersten Gedanken beim Erblicken der abgemagerten Gefangenen von Ausschwitz, das nagende Hungergefühl, das als Phantomschmerz immer noch unendliche Qualen bereitet.

Ihnen dann wieder beim nicht enden wollenden Streiten zuzusehen ist herzig, rührend und sehr komisch und kommt in manchen Momenten wie ein perfekt einstudiertes Slapstick-Stück daher, etwa in der Szene, als Lena sich im Hintergrund mit Inbrunst wieder über irgendetwas ereifert und Minya ganz ungerührt, leicht schmunzelnd in die Kamera schaut. Über all dem schwebt die unauflösbare Verbundenheit, mit der sie einander zugetan sind, und die löst beim Zuschauen eine Gänsehaut und tiefe Ehrfurcht aus. 1970-01-01 01:00
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