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Cecil B. Demented

USA 2000. R,B: John Waters. K: Robert M. Stevens. S: Jeffrey Wolf. M: Basil Poledouris, Zoe Poledouris. P: Ice Cap Production. D: Melanie Griffith, Stephen Dorff, Alicia Witt, Adrian Grenier, Larry Gilliard jr. u.a.
87 Min. Advanced ab 26.10.00

Independent vs. Hollywood

Von Konrad Lischka Seitdem die letzten Kommunisten in China Sonderwirtschaftszonen einrichten und aufrechte Katholiken wie Johannes Dyba wegsterben, kämpfen nur noch zwei Dogmen erbittert wie jeher: Independentfilm gegen Hollywoodkino. »Sie haben uns den Sex gestohlen und unsere Gewalt kooptiert«, klagt eine Independent-Guerillakämpferin in John Waters' neuem Film Cecil B. Demented über die Mogule aus Los Angeles.

Doch sie klagt nicht nur. Unterm Kommando des prophetischen Untergrundregisseurs Cecil B. Demented kidnappt sie mit einer Gruppe gleichgesinnter Filmemacher Hollywoodstar Honey Whitlock (gespielt von Melanie Griffith, die ihren Beitrag zur Ironie nicht zu bemerken scheint). Vor gezückter Pistole wird Whitlock zunächst unfreiwillig zur Heldin ihres No-Budget Films: Als Besitzerin eines Filmkunsttheaters von Hollywood in den Ruin getrieben, rächt sie sich durchs Sprengen eines familienfreundlichen Kinos, Demolieren des Sets von »Forrest Gump 2« und ähnliches. All dies tun die Kinoterroristen wirklich – Kulissen wären zu teuer und Verrat an der Realität. Sie filmen ihre Anschläge einfach ab. John Waters gibt mit der Figur Cecils dem Begriff Kultregisseur eine neue Bedeutung: Immer wieder scharen sich die Independentfilmer um ihn und singen »Demented foreveeeeeer«. Auf ihre Unterarme sind die Namen unabhängiger Autorenfilmer wie Lynch und Fuller tätowiert. Bis ihr Kreuzzug für das reine Kino vollendet ist, haben sie Enthaltsamkeit geschworen.

Waters ironisiert das quasi-religiöse Verständnis des edlen Independentkinos ebenso wie die Dummheit einer Industrie, die noch weit schlimmeres als die fiktiven Werke »Forrest Gump 2 – Gump Again« und »Patch Addams – Director's Cut« in Cecil B. Demented hervorbringt. Daß Waters augenzwinkernd seinen Rebellen Cecil in einer Zwangsjacke herumlaufen läßt, ist zu einem gewissen Teil Selbstironie. Egal, wie Waters sich sah – in den 70er und 80er Jahren war er für Publikum, Kritik und Business ein Outlaw wie Cecil. Über seinen Film Pink Flamingos schrieb Variety 1972: »Einer der wertlosesten, dümmsten und abstoßendsten Filme, die je gemacht wurden«. Zwei Paare kämpfen um den Titel der »ekelhaftesten lebenden Menschen«. Nachdem sie sich zu übertreffen versuchen – zum Beispiel, indem sie junge Mädchen entführen, schwängern und die Babys verkaufen – eskaliert der Konflikt. Schließlich erschießt ein Paar das andere und sichert sich den Titel durchs Essen frischer Hundescheiße. Die Szene begründete Waters' Ruf als »Pope of pulp«, zu dem Schriftsteller William Burroughs ihn kürte.

Mit schlechtem Geschmack verdienen heute Hollywood-Studios ihr Geld. In Scary Movie, von einer Tochterfirma der Disney-Tochter Miramax herausgebracht, wird zum Beispiel jemand ins Ohr gefickt. Einspielergebnis in den USA: 150 Millionen Dollar. Pink Flamingos brachte bei der Wiederveröffentlichung 1997 nur 170.000 Dollar. Waters meint heute: »Hollywood zahlt besser. Das ist der wirkliche Unterschied: der Gehaltsscheck. Hollywood sucht immer nach dem nächsten kleinen, verrückten Film.« Ein Beispiel ist Blair Witch Project. Hollywood ist vielleicht dekadent und dumm, aber eben auch ein Ort für Autoren – und letztlich vielleicht gar Kunst. Blockbuster-Produzent Jerry Bruckheimer begründete das einmal so: »Es gibt hier so viel Geld, einen solchen Bedarf nach dem Produkt, so viele Distributionskanäle. Die Leute suchen verzweifelt Menschen, die hereinkommen und sagen: Ich habe diese Vision, ich habe diese Idee, es kostet nicht viel Geld.« Alle Studios haben Tochterfirmen wie Dimension Films für sogenannte Independentfilme. Eine Diversifikation der Angebotspalette.

Waters selbst hat Ende der 80er Jahre Regie bei Studioproduktionen geführt. Einer davon ist Hairspray (1987), sein vielleicht bester Film: Die dicke Tracy sticht bei Tanz- und Schönheitswettbewerben eine ebenso schlanke wie zickige Konkurrentin aus. Die Komödie ist nostalgisch im positiven Sinn, was das Gefühl der frühen 60er mit Kennedy im Weißen Haus und der Bürgerrechtsbewegung auf den Straßen angeht. Ihre absonderlichen Figuren tragen eine Toleranz abseits der Lichterkettenklischees. Natürlich kann man Kitsch und Süße als Zugeständnis ans Budget und Studio auslegen. Aber sie wirken absolut richtig und vor allem aufrichtig. Man spürt Waters' Liebe zum Lebensgefühl der späten 50er, frühen 60er, die Zuneigung zu seinen Charakteren. Die Ausschweifungen, die die Ehrlichkeit von Pink Flamingos ausmachten, wären hier deplaziert. Waters hätte vielleicht seinen Ruf als kompromißlosen Independentregisseur gewahrt – Hairspray wäre aber ein schlechter Film geworden.

Waters betont den Unterschied zum Independent-Archetypen Cecil: »Hoffentlich bin ich nicht so größenwahnsinnig und habe einen etwas besseren Sinn für Humor.« Hat er. In Cecil B. Demented fliehen die Independentfilmer nach der Zerstörung des Sets von »Gump Again« verfolgt von Filmgewerkschaftlern in ein Pornokino. Da läuft ein »All Anal Movies«-Special, bei dem unter anderem eine Rennmaus eine wichtige Rolle spielt. Die Filmgewerkschaftler weichen angeekelt zurück, als ihnen onanierende Pornofans näherkommen. Surreal ist die Schlußszene. Nach der erzwungenen Vorführung ihres Werks bieten die Kino-Terroristen dem Publikum eines Autokinos Gruppensex im Scheinwerferlicht der Polizei, die das Gelände stürmt. Während Cecil sich im brennenden Rollstuhl für seine Kunst opfert, machen sich zwei seiner Kreuzritter von dannen, um das Werk an ein Studio zu verkaufen. Eine grimmige Schlußpointe.

Waters: »Die Pornofans sind die wirklichen Outlaws. Es ist das einzige Outlaw-Kino, das es noch gibt.« 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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