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Casino Royale

USA 2006. R: Martin Campbell. B: Paul Haggis, Neal Purvis, Robert Wade. K: Phil Meheux. S: Stuart Baird. M: David Arnold. P: Columbia Pictures, MGM u.a. D: Daniel Craig, Eva Green, Mads Mikkelsen, Jeffrey Wright, Dame Judi Dench u.a.
144 Min. Verleih ab 23.11.06

Mein Name ist Blond

Von Dietrich Brüggemann Wenn man sich, um zur Pressevorführung überhaupt reingelassen zu werden, erstmal wie ein Schuljunge der Dame vom Verleih andienen muß, weil das mit der Liste wieder irgendwie nicht geklappt hat, und einem der Sicherheitsmann dann noch an die Hose grapscht, als wäre man am Flughafen von Guantanamo, dann geht man mit entsprechend mieser Stimmung ins Kino – zumal in einen Film, in dem der Held sich ständig über diesen ganzen Quatsch hinwegsetzt, weil er im Gegensatz zu Filmverleihern nämlich kapiert hat, daß die Bösewichte ganz woanders sitzen.

Diese miese Stimmung wird vom Anfang des neuen Bond-Abenteuers auch nicht aufgehellt: Wo sonst ein vollendet absurder Stunt uns unmißverständlich klarmacht, daß wir jetzt eine andere Welt betreten, bringt Daniel Craig hier zwei Leute um. In Schwarzweiß. Bond-Markenzeichen Nummer eins, die Vor-dem-Vorspann-Sequenz, damit: Totalausfall. Es folgt Bond-Markenzeichen Nr. zwei, der Vorspann selber. Traditionellerweise ein psychedelisches Ballett aus nackten weiblichen Silhouetten und Handfeuerwaffen. Diesmal ein nicht ganz so psychedelisches Ballett aus Spielkartensymbolen. Geht in Ordnung, wird aber begleitet von Markenzeichen Nummer drei, dem Bond-Song. Der wird diesmal gesungen von Chris Cornell, ehemals Soundgarden, immer noch Audioslave. Und während der der Bond-Song eigentlich stets ein Lied mit Melodie, Drama und Klasse war, das einigen Leuten (man denke an a-ha) zur einzig wirklich großen Nummer ihrer Karriere verholfen hat, ist es diesmal leider wirklich nur ein Chris-Cornell-Song, also eine amerikanische Testosteron-Schreihals-Angeberei. Das ist nicht nur ein Schritt in die falsche Richtung, sondern auch ein Hinweis auf die Marschrichtung, die der restliche Film nehmen wird.

Widmen wir uns an dieser Stelle mal kurz dem Bond-Markenzeichen überhaupt, nämlich Bond selber. Ja, es ist Daniel Craig, genau, der Ex von Heike Makatsch. Doch, das geht durchaus in Ordnung. Er ist besser als sein Vorgänger, das Herrenfrisurenmodell Pierce Brosnan, er ist besser als Roger Moore, der leicht fiese Waschlappen mittleren Alters, er ist besser als der schwer unterbewertete Timothy Dalton, er ist natürlich nicht besser als Sean Connery, aber er ist gut. Es gibt eigentlich nur eine Stelle, die nicht gut ist, aber dafür kann er nichts – irgendwann will die Serie selbstreferentiell sein, deswegen muß Craig als sein eigenes Bond-Girl aus den Fluten steigen, nackt bis auf die Badehose, wie damals Ursula Andress. Da sieht man, daß Craig sich für die Rolle mehrere Tonnen Muskeln antrainiert hat, und das sieht halt aus wie ein eigentlich eher schmaler Mensch, der sich mehrere Tonnen Muskeln antrainiert hat – der Kopf wirkt unnatürlich klein, die Ohren wirken seltsam abstehend, das ganze sieht aus wie eins der Aliens aus Men In Black.

Zurück zu den Markenzeichen. Einen James-Bond-Film kann man nur als James-Bond-Film beurteilen, und da gibt zwei unverzichtbare Bestandteile namens M und Q. Judi Dench als M ist eine verläßliche Säule, Q hingegen wurde einfach weggelassen. Und das geht natürlich gar nicht. Bond ohne Q und sein Spielzeug ist nur ein austauschbarer Actionheld. Also Abzug in der Q-Note und ein weiterer Hinweis darauf, wohin die Reise geht.

Der letzte Bond, Die Another Day, war nämlich erfolgreich, aber auch ein computeranimierter Kinderquatsch mit unsichtbaren Autos und so. Also wird hier das Ruder entschlossen herumgerissen und ins andere Extrem gefallen. Casino Royale zeigt nach offizieller Legende die Anfänge des Geheimagenten James Bond, es ist eine Art Prequel, Daniel Craig ist also gewissermaßen der Hayden Christensen der Bond-Serie, nämlich derjenige, über den sich vorher alle totlachen und der es dann doch irgendwie reißt. Sein einziges Spielzeug ist ein tragbarer Defibrilator, den er dann auch brauchen kann, ansonsten sehen wir über weite Strecken einen etwas zu schnell geschnittenen Schlägereifilm der amerikanischen Art, und am Ende gibt es eine Liebesgeschichte, die das seltsame Verhältnis des späteren Bonds zu Frauen so halbwegs erklären könnte, wenn man sie denn glauben würde.

Was ansonsten an Action und Glamour und Exotik am Start ist, hat übliches Bond-Niveau, und es gibt auch einige wirklich gelungene Sequenzen, so zum Beispiel eine akrobatische Verfolgungsjagd über ein großes Stahlgerüst, die einen für die verschwendete Vorspannsequenz durchaus entschädigt. James Bonds Frauenauswahl ist geschmackvoll, allerdings kommt auch hier wieder das Problem zum Vorschein, daß sehr schöne Gesichter, wenn man sie sehr schön schminkt und sehr schön ausleuchtet, am Ende sehr langweilig aussehen.

Ein okayer Actionfilm also. Sogar ein okayer James Bond. Und eine Überraschung in der Hauptrolle. Aber mal ehrlich: Ging es nicht eigentlich immer um die ganze Welt, um sagenhafte Erfindungen, um Bösewichte, die unter erloschenen Vulkanen sitzen und die Welt vernichten wollen und denen man das sogar glaubt, weil es auf allen Ebenen so wahnsinnig clever gestylt ist?

Geht das noch im 21. Jahrhundert?

Na ja, es ging in den 60er Jahren, also müßte es sich eigentlich heute auch machen lassen. Wir sind gespannt auf den nächsten. 1970-01-01 01:00

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