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Casino

USA 1995. R: Martin Scorsese. B: Nicholas Pileggi, Martin Scorsese. K: Robert Richardson. S: Thelma Schoonmaker. D: Robert de Niro, Sharon Stone, Joe Pesci, James Woods u.a.
178 Min. UIP / Universal ab 14.3.96

Rien ne plaît plus – Martin Scorseses glänzende Räuberpistole aus Las Vegas

Von Daniel Hermsdorf Ein weiteres Mal lockt Martin Scorsese in die Unterwelt. Ein weiteres Mal Robert de Niro in Halbseide – und sogleich betäubt sein Regisseur unsere Witterung für Redundanz mit einer Autobombe. Infernalische Sünde schwelt in »Little Italy«, am Cape Fear und anderswo – das Purgatorium steht nicht bevor, sondern findet statt vor der Linse, vor unseren Augen. Der Kinobesuch ist eine Waschung, funny suffering und schwarzes Gebet.

Die Kamera schlängelt sich in unzähligen schwindelerregenden Fahrten durch die monumentale Casinohalle, strotzend vor Pailletten und preziösen Klunkern, falschen Tricks und echter Ausweglosigkeit. Das erste Drittel des Films ergeht sich in einer atemberaubenden Feinanalyse von Groschengrab und Dollarhimmel: Jetons verwandeln sich in Münzen, Scheine und umgekehrt, ergießen sich in Trichter und werden sortiert, eingerollt und schließlich mit wichtiger Miene in den Tresorraum verbracht. In der großen Halle überwachen sich Croupiers und Aufsichtspersonal unter dem göttlichen Auge des Stroboskopballs. Und die Spinne im Netz ist Sam Rothstein (Robert de Niro), ein toughie, ein Aufsteiger mit nur einem wunden Punkt, der Ginger (beachtlich: Sharon Stone) heißt und als Edelnutte Spielgeld in den Glitzerhimmel schleudert – Standbild.

Rothstein muß aus seiner Liebe zu Ginger eine geschäftliche Vereinbarung machen und sperrt sie in den Luxuskäfig – what a difference a day makes. So verzweigt sich Scorseses conte moral des Glücksspielmolochs in die Geschichten vom prosperierenden Roulette-Imperium einerseits und andererseits einer Ehe, deren Konstruktionsplan hinkt und die krankt an Gingers heimlicher Sehnsucht nach ihrem vergangenen low life.

Und dann ist da noch Nicky (Joe Pesci), Rothsteins Freund aus alten Tagen, ein teuflischer Faktor und impulsiver Gewaltmensch. Er weiß sich zu steigern in der Brutalität als Fingerübung, im Antisemitismus als Standardvokabel unter four-letter-words. Gleich zu Beginn beschwört er den Endpunkt jeder echten mafiosen Las-Vegas-Erzählung: die Erdlöcher in der Wüste – in jedem liegt ein Problem begraben. Sams und Nickys Stimmen entrollen rasant aus dem Off das mythische Epos vom großen Glück und den schmutzigen Schlingeleien – die Gangster sind es, die uns noch zu erzählen haben. Scorsese beruft sich im Vorspann auf die Authentizität seiner Geschichte, deren Romanform von Co-Autor Nicholas Pileggi stammt – ein weiteres Kapitel in des Regisseurs krimineller Version vom amerikanischen Traum: Kapitalismus, learning from Las Vegas.

Casino ist jedoch nicht nur wegen seiner Geschichte ein Film, der mit epischer Puste seine Atemfrequenz aufzwingt. Robert Richardsons Kameraarbeit und Thelma Schoonmakers Schnitte machen aus dem Casino ein Panoptikum der kostbaren Sekunden, des taumelnden Verlusts, der gähnenden Totalen und aufblitzenden Details. Das Paar Rothstein nimmt der Film vom Beginn ihrer Beziehung an mit bedeutungsvollen Spiegelungen in den Blick, am treffendsten bei einem wüsten Streit in ihrer Villa, während dem ihre beiden Gesichter in einer unruhig gesprenkelten Marmorwand aufscheinen.

Als Rothstein von seinem Herzen spricht, erscheint der menschenleere Spielsaal. Als er einmal von seinem Schreibtischstuhl aufsteht, blickt man verdutzt auf seine Sockenhalter. Lullte die Tonspur den Zuschauer gerade noch mit einer Swing-Schnulze ein, rumoren alsbald die Stones und andere symbolträchtige Radaubrüder. Durch all den Glamour, all die blinkende Verheißung frißt sich bei Scorsese die Gewißheit des Niedergangs und des lächerlichen Lebens – die überfällige Entschädigung für alle Kinogänger, die nach der faden Kitschattacke von Paul Verhoevens Barbie-Film Showgirls unter Magenkrämpfen litten. 1970-01-01 01:00

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