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Carpatia

D/A 2004. R,B,S: Andrzej Klamt, Ulrich Rydzewski. K: Ulrich Rydzewski. P: halbtotal, Hektor + Rydzewski.
127 Min. Basis ab 2.12.04

Des Menschen Glück

Von Ekkehard Kern »Natur, das ist das große Bilderbuch, das der liebe Gott uns draußen aufgeschlagen hat.« (Joseph von Eichendorff) Viele Seiten hat es, dieses Bilderbuch. Und es ist frei begehbar. Für jeden, der bereit ist, Neues zu erleben, über den Tellerrand hinweg zu sehen und dem pompösen Gebilde Großstadt zu entfliehen.

Irgendwann wird man unweigerlich dorthin kommen, wo Andrzej Klamt und Ulrich Rydzewski ihre Geschichte erzählen. Zu den Karpaten. Eigentlich ist das keine Geschichte, sondern Leben. Das ist für so manchen kaum zu glauben: Da sind Menschen, die auf Bergeshöhen und in Holzhütten ihr Dasein fristen – und glücklich sind. Rechtzeitig muß der Winteressensvorrat angelegt werden, denn in der kältesten aller Jahreszeiten wird der Schnee auch heuer wieder den Weg ins Tal versperren. Und damit ist das Anwesen abgeschnitten von der Außenwelt. Ein junges Mädchen wird interviewt. Sie ist um die 20. Sie hat keine spektakulären Reisen hinter sich. Und sie liebt ihre Heimat. Auf dem Berg, so sagt sie, ist man Gott näher als unten in den Städten.

Immer wieder hält Klamt seinen Zuschauern den Spiegel vor. Ein bißchen nach dem Motto: Schaut, es geht auch anders. Und er stellt eine sehr lapidare Frage: Wieviel braucht der Mensch, um glücklich zu sein? Ist es so, daß sich diese Orte und Menschen eine Ursprünglichkeit bewahrt haben, die vielen einfach im Zuge der »Modernisierung« und »Globalisierung« verlorengegangen ist und die dem menschlichen Charakter schlicht gut tut, wohltuend auf ihn einwirkt?

Die Karpaten sind den meisten nicht aus dem Bilderbuch, sondern vielmehr aus der Horror-Literatur bekannt: Spätestens seit Bram Stoker seinen Jonathan Harker in das Reich des Grafen Dracula schickte, meint jeder zu wissen, was er damit zu assoziieren hat. Ein Klischee, soviel ist sicher. Es ist wohltuend, daß Klamt und Rydzewski die mythologische Ebene bewußt umschiffen. Der Film ist intelligent genug. Und ein von Vampiren wimmelndes Gebiet sind die Länder eben nicht, die die Karpaten beheimaten: Slowakien, Polen, Ukraine und Rumänien. Aus jedem dieser Länder wird eine Geschichte erzählt, ein Mensch oder eine Gruppe porträtiert. Zuweilen ist das skurril, manchmal seltsam, aber immer interessant. Und man spürt, wie man hineingesogen wird. Gebannt von dieser Einfachheit des Lebens. Und von der Faszination, die von dem ausgeht, was wir Bescheidenheit nennen. Das Unterfangen, eine für uns fremde Welt ein bißchen greifbarer und verständlicher zu machen, kann aber nur dann von Erfolg gekrönt sein, wenn seine Zuschauer mitspielen. Es ist die Reise wert. 1970-01-01 01:00
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