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Capote

USA 2005. R: Bennet Miller. B: Dan Futterman. K: Adam Kimmel. S: Christopher Tellefsen. M: Mychael Danna. P: United Artists, InfinityMedia, Baron u.a. D: Philip Seymour Hoffman, Catherine Keener, Clifton Collins jr., Mark Pellegrino u.a.
114 Min. Sony Pictures ab 2.3.06

Das Geheimnis seines Erfolges

Von Nicole Ribbecke Seit Jahrtausenden trägt der Mensch den Willen in sich, berühmt und unsterblich zu sein. Er baut Pyramiden, erobert Städte und Länder, stellt verrückte Rekorde auf, und mitunter wird tatsächlich etwas Großes geleistet, erfunden, verbessert oder in Frage gestellt. Was sind wir bereit, für den Ruhm zu opfern? Wie weit gehen wir, um das Ansehen der gesamten Öffentlichkeit zu erlangen, weltbekannt zu werden? Einige haben es geschafft, in den Reigen der Unvergeßlichen aufgenommen zu werden, andere haben alles daran gesetzt und sind dennoch gescheitert.

Die Frage, wieviel man von sich oder seinem Leben aufgeben kann und darf, welche Methoden legitim sind, um das Ziel zu erreichen, schwebt über so manchem Menschenleben. Inwiefern würden die Mittel den Zweck rechtfertigen und unser restliches Dasein beeinflussen? Wie hoch ist der Preis, um als Mythos unsterblich zu werden? Die Frau mit der überdimensionalen dunklen Sonnenbrille, die mit einem Kaffeebecher vor dem Schaufenster eines berühmten Juweliers steht, ist seit langem ein kinematographischer Mythos: Audrey Hepburn in Breakfast at Tiffany's. Ihr Tribut an den Ruhm waren zwei gescheiterte Ehen. Ebenso ist der Schriftsteller, der die Romanvorlage zu diesem Klassiker der Filmgeschichte lieferte bereits zu einem Mythos avanciert: Truman Capote. Der Mann, der im Alter von 23 Jahren die Literaturkritik spaltete und der bald darauf im Mittelpunkt etlicher Partys der New Yorker High Society seine eigene Person zelebrierte.

Effektvoll setzt die Handlung des Films über Truman Capote erst nach seinem gefeierten Welterfolg mit Breakfast at Tiffany's ein. Anstatt durch das gesamte Leben dieser vielschichtigen Person zu hecheln, welches sicher eine oberflächlichere Beobachtung zur Folge hätte, legt Capote das Augenmerk auf lediglich sechs Jahre seines Schaffens. Der partikulare Blick auf Capotes Arbeit an seinem Buch »In Cold Blood«, durch das er eine neue literarische Stilrichtung kreierte, den nichtfiktionalen Roman, ermöglicht eine eingehende Charakterstudie und ein tiefergehendes Verständnis der heute bereits historischen Figur. Wir beobachten ihn dabei, wie er einen Zugbeamten bezahlt, um Komplimente von diesem zu ernten. Wir hören ihn insistieren, in welch noblem Geschäft er seinen teuren Schal erstanden hat. Wir begleiten ihn zu den Gesellschaften, in denen er seine sexuelle Gesinnung stolz vertritt, wo er mit fipsig-lispelnder Stimme und feminin abgespreizten Fingern seine Weisheiten verkündet. Wer nichts zu sagen hat ist selber schuld. Aus ihm sprudelt es heraus nach Jahren als Außenseiter und schräger Kauz.

Durch die wundervoll ausgesuchte Besetzung, von einer charmanten Catherine Keener bis hin zu einem unverbrauchten Clifton Collins jr., schimmert Philip Seymour Hoffman, seiner glaubwürdigen Darstellung verdankend, als Star hindurch. Er scheint tatsächlich, den Schmerz der Vergangenheit und das damit verbundene Geltungsbedürfnis der Gegenwart seines darzustellenden Charakters nachzuempfinden. Erfreulich zurückhaltend und dennoch intensiv transportiert er die Manierismen und das Charisma Capotes, mit dessen ungewohnter Körperhaltung und -bewegung, auf die Leinwand. Auch ihn wird dadurch – zu recht – die ganze Welt anerkennen.

Das Verlangen nach Anerkennung, die Angst, schnell vergessen zu werden und in die Bedeutungslosigkeit des Literatenhimmels abzugleiten, trieb Capote nach Kansas, um das Portrait eines kaltblütigen Mordes an einer Familie aufzuzeichnen. Nachdem die Mörder gefaßt sind, freundet er sich mit ihnen an, bringt ihnen Bücher und besorgt ihnen einen Anwalt, alles um der Recherche willen, den ersten dokumentarischen Roman zu verfassen, der zum Bestseller werden und ihn weltberühmt machen sollte.

Doch alles hat seinen Preis. Es beginnt eine erschöpfende, zum Wahnsinn treibende Krise. Er belügt seine Schützlinge über den Inhalt des Buches, betrinkt sich, vergißt das Leben und die Freunde um ihn herum. Er sehnt sich ein Ende seiner psychischen Strapazen herbei, bevor er kreativ erschöpft ist. Allerdings spricht er lediglich von dem Abschluß seiner Arbeit. Ein Todesurteil zu wünschen, wäre zu unmenschlich, zu unmoralisch. Selbstmitleid befällt ihn – bis der Prozeß doch noch den Höhepunkt erreicht. Capote begegnet den beiden Mördern noch einmal kurz vor ihrer Hinrichtung. Sie verlangen keine Erklärung für die fehlenden Besuche, unbeantworteten Briefe oder Telefonanrufe. Sie bedanken sich und kennen keinen Groll. Alle sind am Ziel angelangt. Hinter der Ziellinie jedoch versucht Capote sich verspätet zu rechtfertigen. Er verlangt nach Absolution, die niemals erteilt werden kann. »I couldn't have done anything to save them.« »Maybe not, Truman. But the truth is, you didn't want to.« Obwohl die ganze Welt ihn beklatscht, ist er gebrochen. Wenn der Abspann gelaufen ist, wissen wir, warum Capote niemals wieder ein großes Werk zu Stande bringt. Wir kennen den Grund, weswegen er, alkohol- und drogensüchtig von Depressionen sowie Halluzinationen geplagt, an einer Überdosis Tabletten stirbt. Wenn die Lichter angehen, sind wir um eine Lektion über den Tribut, der dem Ruhm zu zollen ist, reicher geworden. 1970-01-01 01:00
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