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Bungalow

D 2002. R,B: Ulrich Köhler. B: Henrike Goetz. K: Patrick Orth. S: Gergana Voigt. P: Peter Stockhaus Film. D: Lennie Burmeister, Devid Striesow, Trine Dyrholm, Nicole Gläser, Jörg Malchow u.a.
84 Min. Basis ab 6.2.03

Geiz ist fad

Von Oliver Baumgarten Es ist die zweite Einstellung des Films: Die Kamera verfolgt eine Kolonne von Bundeswehr-Fahrzeugen auf einer Landstraße. Sie steht auf dem Stativ und schwenkt bei dieser Verfolgung – Tempo und Entfernung der Fahrzeuge angepaßt – beharrlich nach links. So geht es eine ganze Weile, bis die Fahrzeuge nach etwa 240° des Schwenks auf dem Parkplatz eines Rasthofes anhalten. Die Soldaten steigen aus dem Lastwagen, die Kamera verfolgt sie – weiter Richtung links – bis sie nicht mehr zu sehen sind. Die Kamera schwenkt langsam weiter, fängt eine Terrasse ein, auf die einige Soldaten mit Kaltgetränken versehen wieder ins Bild strömen. Die Kamera beginnt eine leichte Fahrt (nach links natürlich) und bleibt schließlich nach fast 360°-Drehung und einer über Minuten hin schleichenden Verschiebung der Einstellungsgröße von Panorama zu Halbnah auf der sich an den Tisch setzenden Hauptfigur stehen. Währenddessen steigen im Hintergrund die anderen Soldaten wieder ein, und der Treck fährt aus dem Bild. Nur der uniformierte Paul bleibt sitzen: Fahnenflucht mit Cola-Becher.

Das ist grandios. In einer langsamen, scheinbar unspektakulären, aber mit schlichter Effizienz und bedachter Komposition ausgestatteten Plansequenz gelingt Ulrich Köhler die Einführung seiner Hauptfigur und gleichsam die Etablierung der Handlungsvoraussetzung des Films. Eine solch pointierte Narrationsökonomie, wie sie diese Einstellung vorlegt, erinnert an die Stilistik der sogenannten Berliner Schule, an Arbeiten von Angela Schanelec und natürlich Christian Petzold. Und mit jeder weiteren Einstellung dieses sehr wortkargen Films verstärkt sich der Eindruck: Ulrich Köhler hatte wohl genau das im Sinn. So überrascht es nicht, daß ihm dieses Streben irgendwann zum Verhängnis werden mußte. Die Präzision und auch die Spannung jener oben beschriebenen Szene geht ihm im weiteren Verlauf überwiegend verloren, weil sich die Ruhe und Klarheit, die eine solche Stilistik bedarf, an einem ganz entscheidenden Element aufreibt: an der Hauptfigur.

Paul ist ein fauler Sack. Das spricht zunächst absolut nicht gegen die Aussicht auf einen spannenden Film, im Gegenteil dürfte dies ziemlich trendy sein. Daß die Narrationsökonomie jedoch auch das nahezu komplette Ausblenden von Figurenhintergrund, seiner Historie und Charakterisierung miteinschließen soll, das ist nicht einzusehen. Paul ist eine derart dünn konstruierte Figur, daß sie ständig durchs Netz der Dramaturgie fällt und die Ruhe der langen Einstellungen nicht aushält. Warum die unvermittelte Rangelei mit dem Freund? Warum bloß läßt sich die Freundin seines Bruders mit ihm ein? Das ist schlicht unschlüssig und hat mit Kunst der Langsamkeit oder sinnvoller Reduktion nichts gemein. Sehr schade ist das besonders deshalb, weil Ulrich Köhler immer wieder ausgesprochen gelungene Momente entwickelt, weil Patrick Orths Kamerakonzept großes Vergnügen bereitet und der Rhythmus im Grunde stimmt. Nur – und das zeigen besonders Filme der Berliner Schule – läßt sich mit der Langsamkeit und Ökonomie nur dann die scheinbar natürliche Magie des Moments komponieren, wenn dieser eben doch auch etwas zu erzählen hat. Paul hat meistens gar nichts zu erzählen, der Geiz seiner Ausstattung läßt ihn schlimmstenfalls eines werden: fad. 1970-01-01 01:00

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