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Bulletproof Monk – Der kugelsichere Mönch

Bulletproof Monk. USA 2003. R: Paul Hunter. B: Ethan Reiff, Cyrus Voris. K: Stefan Czapsky. S: Robert K. Lambert. P: Club Five, Lion Rock. D: Chow Yun-Fat, Seann William Scott, Jaime King, Karel Roden u.a.
103 Min. Concorde ab 26.6.03

Der fliegende Tibeter

Von Daniel Bickermann Er ist wieder da. Für einen kurzen, zu kurzen, Moment ist Chow Yun-Fat wieder ganz der alte, steht in seinem langen, wehenden Mantel auf einem Autodach, eine Knarre in jeder Hand, und putzt in Superzeitlupe gesichtslose Gegner von der Straße, während um ihn herum die Patronenhülsen fliegen lernen. Sein Gesicht, wie immer von einem leisen, verkniffenen Lächeln geschmückt, erzählt dabei mehr über inneren Frieden und Selbsterkenntnis als jeder Dialog dieses mit Glückskeksphilosophie zugekleisterten Films.

Die Zeitlupenszene ist eine Hommage an die gute alte Zeit in Hongkong, als ein junger John Woo Regie führte und diesen schlacksigen, unförmigen Kerl zum internationalen Actionstar machte. Man möchte weinen und sich die Haare raufen, wenn man nun diese Ikone sieht, wie sie dem American Pie-Milchgesicht Seann William Scott die (Schrift-)Rolle des Helden übergeben will. Scott soll ein amerikanischer Dieb und Trickser sein, der durch übermäßigen Konsum von Martial-Arts-Filmen selbst zum Kampfmeister wurde. Natürlich. Gemeinsam beschützen sie eine geheimnisvolle tibetanische Schriftrolle, von der, natürlich, das Schicksal der Welt abhängt und hinter der, natürlich, auch ein Alt-Nazi samt seiner platinblonden BDM-Enkelin her ist. Soviel dazu.

Hollywood hat den Charme des Hongkong-Kinos nie verstanden. Die amerikanischen Versuche, die entsprechende Ästhetik zu kopieren oder einfach das chinesische Talent einzukaufen, zählte zu den schwersten Mißverständnissen der 90er Jahre. Heute hampelt sich Jackie Chan mit üblem Akzent zum Bud Spencer der neuen amerikanischen Kindergeneration, Jet Li versumpft in finsteren Mainstream-Keilereien und John Woo, der ehemalige Großmeister des Hongkong-Kinos, dreht und produziert mittelmäßige amerikanische Zitate auf sich selbst. In Bulletproof Monk, von Woo produziert und vom Musikvideo-Veteranen Paul Hunter wenig inspiriert in Szene gesetzt, ist dieses Mißverständnis zwischen Hollywood und Hongkong glasklar zu erkennen. Statt charmantem Eastern-Trash gibt es hier ausgelutschten Yankee-Trash von Nazis, Liebe und fliegenden Tibetern. Statt zwanzigminütigen Schießereien sehen wir hier bis zur Unkenntlichkeit kleingeschnittenes Gehaue, statt kurzen Statements über Ehre und Gewissen nur dröge Dialoge über Hotdogs.

Doch wenn ein Genre seinen Tiefpunkt erreicht hat, so lautet eine (wenig tibetanische) Weisheit, dann ist die Wiedergeburt nicht mehr fern. Und da Bulletproof Monk zweifellos einen Tiefpunkt darstellt, darf der Martial-Arts-Film wieder hoffen. Auf Woo sollte man bei der Rettung des Genres nicht mehr spekulieren, seine Zeit scheint endgültig vorbei. Vielleicht wird es stattdessen Tarantino sein, der in diesem Herbst mit seinem Eastern-Epos Kill Bill das totgeglaubte Genre neu beleben wird. Zumindest ein amerikanischer Dieb und Trickser also, der durch übermäßigen Genuß von Martial-Arts-Filmen zum Helden werden kann. 1970-01-01 01:00
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