— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Bruno Ganz – Behind me

Behind me. CH/D 2002. R,B,K: Norbert Wiedmer. K: Peter Guyer, Bruno Ganz. S: Stefan Kälin. M: György Kurtágh. P: PS Film, Biograph Film. D: Bruno Ganz, Johann Adam Oest, Robert Hunger-Bühler u.a.
85 Min. Kool Filmdistribution ab 25.9.03

Nicht Ganz

Von Daniel Bickermann Was ist Schauspielerei, wenn nicht Wandlung, steter Fluß, Täuschung und schließlich Un(be)greiflichkeit? Wie erklärt man einen Menschen, der viele Menschen ist und nicht er selbst, wie beschreibt man ein Chamäleon? Wie porträtiert man den bedeutendsten deutschen Bühnendarsteller, den Träger des Ifflandrings, der in seinen Rollen so präsent ist und privat so unnahbar? Ein Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist, ein sinnloses Unterfangen, das aber dennoch unterhaltsam sein könnte.

Regisseur Wiedmer hat gar nicht erst versucht, das Phänomen Bruno Ganz zu entschlüsseln. Das ist weise, aber auch langweilig. Denn statt eines Abrisses der bisherigen Rollen (wie unvollständig auch immer), wirft Wiedmer nur ein Schlaglicht auf die aktuellen Projekte des faszinierenden Künstlers. Schnell stellt sich diese Sichtverengung als fataler Fehler heraus in dieser Dokumentation, weil sie im Versuch, den Wandlungskünstler Ganz in einer Momentaufnahme festzuhalten, ihn seiner größten Stärke beraubt: der Vielseitigkeit eben. Übrig bleibt ein kurzer Abriß, nur eine einzelne Facette des Spätwerks Bruno Ganz: der Schmerzensmann nämlich, der faustisch Leidende, der tragisch Unzufriedene. Bruno Ganz, der Komiker, kommt nicht zu Wort, ebensowenig wie Bruno Ganz, der Hedonist, der Liebhaber, der jugendliche Held. In Behind me scheint er körper- und humorlos, kein Wunder bei Wiedmers sturer Konzentration auf den »Faust« und die Tätigkeit als Lesestimme.

Wiedmers Vorlieben machen den Film trotz seiner kurzen Laufzeit langatmig. Die Lesungen der erdigen Lyrik von T.S. Eliot sind noch faszinierend anzusehen, aber warum bloß mag das verkorkste »Faust«-Großwerk des Gigantomanen Peter Stein, ein Marathon aus 23 Stunden statischem Stadttheater, es dem Regisseur so angetan haben? Auch ein italienisches Geräuschtheaterprojekt adelt er mit unverdienter Screen Time, vermutlich, weil ein fehlbesetzter Bruno Ganz hier deutsche Kochrezepte über skurrilen Installationen liest. Theater abfilmen, das ging noch nie gut. Schlechtes Theater abfilmen, das hätte Wiedmer sich sparen können.

Um ein Vielfaches spannender sind dagegen die Momente, da Bruno Ganz die Kamera selbst in die Hand nimmt und wir mit ihm die Anfänge des filmischen Erzählens erforschen. Venedig. Eine Fähre. Ein Mädchen, das am Pier sitzt und hinterherschaut. »Schon ist da eine Geschichte«, murmelt Bruno, der Kameramann. Überhaupt, das Wasser hat es ihm angetan. Die schwimmende Stadt Venedig, aber auch die Spiegelungen an der Oberfläche, der unberechenbare Lauf der Strömung, die Reise der heimatlosen Person Bruno Ganz. Aber der Fluß ist für ihn auch Symbol für Alter, Wandel, Tod. Letztes Jahr ging sein großer Kollege Ulrich Wildgruber ins Meer hinaus – ein ebenso epischer wie altmodischer Selbstmord. Beinahe möchte man sich auch um Bruno Ganz Sorgen machen, wenn man sieht, mit welch tiefem Interesse und unergründlicher Traurigkeit er ins Wasser starrt und filmt.

Und als wollte sich Ganz seinen Facettenreichtum von Wiedmer zurückholen, zeigt er in den selbst gefilmten Einlagen auch den anderen Bruno Ganz, der mit seiner Kamera italienische Kinder erschreckt, hübsche Frauen verfolgt oder alte Damen nervt. Ein seltsames Gefühl, in einem Film zu sitzen und sich zu wünschen, daß nicht der Regisseur die Bilder wählen würde, sondern der Protagonist, das Objekt. Norbert Wiedmer jedenfalls ist daran gescheitert, Bruno Ganz zu porträtieren. Bruno Ganz hätte es vielleicht geschafft. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap