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Brother

J/USA 2000. R,B,S,D: Takeshi Kitano. K: Katsumi Yanagishima. S: Yoshinori Oota. M: Joe Hisaishi. P: Office Kitano, Recorded Pictures Company. D: Omar Epps, Masaya Kato, Ren Osugi, Claude Maki u.a.
112 Min. Advanced ab 18.1.01

Hana-bi good

Von Thomas Warnecke Ganz klein scheint der Neuankömmling in der Totalen vor dem Flughafen in Los Angeles, doch das Bild gerät in Schräglage. Mit der Ankunft des Yakuzas Yamamoto und des ihn verkörpernden Regisseurs Takeshi Kitano ändert sich, wenigstens für die Dauer dieses Films, der Lauf der Dinge in Amerika und ihre visuelle Repräsentation. Der Yakuza bringt sein rituelles Repertoire aus Japan mit, und der Regisseur seine formal asketische Inszenierungskunst, gegen die die Ballerorgien des Mainstream-Actionkinos pubertär aussehen. Wie im Gangsterfilm klassischen Zuschnitts geht es auch hier um Aufstieg (und Fall) durch Arbeit, gibt es die Hinterzimmer der Bosse und die Drecksarbeit auf der Straße, die Hierarchisierung in Anführer und Gefolgsleute.

Es gibt die Einsamkeit des Tigers im Dschungel, die mit der gleichen Konsequenz wie in Melvilles Le Samourai zum Ende führt. Doch Kitano ist weit davon entfernt, ein altes Genre und seine Mythen noch einmal durchzuspielen. Für alles Geschehen, wenn einem einzelne Aspekte auch aus anderen Filmen bekannt sein mögen, findet er seine eigene Sicht, und damit ist keine Einstellung in Brother überflüssig. Da ist die pastellfarbene Fotographie des Kameramannes Katsumi Yanagishima, welche die in Japan spielende Vorgeschichte wie durch einen Grauschleier zeigt und die Sonne Kaliforniens trügerisch trüb werden läßt. Die fast taktile Qualität des Lichts macht staunen. Da ist Kitanos Montagekunst, welche den ruhigen Fluß der Einstellungen im entscheidenden Moment unterbricht und die Ausbrüche exzessiver Gewalt in einen Akt der schnellen Schnitte übersetzt. Die gestalterischen Mittel waren freilich schon in seinen früheren Filmen perfektioniert, doch allein ihre bruchlose Übertragung auf ein neues Terrain zeigt Kitanos Meisterschaft.

Vor allem die Komik Kitanos führt immer wieder zu Brechungen der an Grausamkeit nicht eben armen Handlung. Da ist zum einen die bekannte stoische Mimik des Hauptdarstellers mit seinem Augenzucken und den kleinen, versteckten Gesten. Zum anderen ist es der kindlich unverstellte Blick des Regisseurs, dem die Grausamkeit einer Teezeremonie mit anschließender Selbstverstümmelung ebenso mechanisch und absurd erscheint wie die Komik jener hilflosen Versuche eines kleinen Yakuzas, beim Basketball eine gute Figur zu machen. Zur Deckung gelangen die beiden Seiten einer Medaille, als im Kugelhagel sterbende Gangsterbosse zappeln wie durchgerüttelte Stoffpuppen. Ein kleines Juwel der stillen Beobachtungskunst ist die Szene zwischen Yamamoto und seinem treuen Gefährten, dem Afroamerikaner Denny (eindrucksvoll: Omar Epps), als dem Japaner das amerikanische Steak nicht mehr schmeckt.

Überhaupt das Essen: Es scheint, als habe Kitano hier neben den ewigen Mythen von Gefolgschaft und Verrat ein weiteres Thema in den Gangsterfilm eingebracht, die gemeinsame Mahlzeit nämlich, an der sich die Befindlichkeit der einzelnen Gangster ablesen läßt. Und wie im Gegensatz zur katholischen Völlerei der Mafiosi (und den visuellen Exzessen Scorseses) erklärt Takeshi Kitano die Sorgfalt und Sparsamkeit seiner Mittel als Spiegel japanischer Eßgewohnheiten: In der französischen und italienischen Küche werden die Zutaten ja zumeist erst angedünstet oder angebraten und dann mit einer Soße übergossen. Das Paradebeispiel der japanischen Küche ist jedoch Sashimi: Roher Fisch, in feine Scheiben geschnitten – es ist fast so, als würde man den frisch gefangenen Fisch direkt vom Angelhaken weg verzehren. 1970-01-01 01:00

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