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Brot und Tulpen

Pane e tulipani. I 2000. R,B: Silvio Soldini. B: Doriana Leondeff. K: Luca Bigazzi. S: Carlotta Cristiani. M: Giovanni Venosta. P: Istituto Luce, Monogatari, RAI. D: Licia Maglietta, Bruno Ganz, Giuseppe Batiston, Marina Massironi u.a.
118 Min. Tobis ab 21.12.00

Hinplätschernde Kanäle

Von Thomas Warnecke Der Unterschied zwischen Pescara und Venedig ist mit dem Vergleich Wanne-Eickel und beispielsweise Rothenburg ob der Tauber nur unzureichend erfaßt. Jedenfalls bedeutet die Lagunenstadt, in der die Hausfrau Rosalba unverhofft landet, so etwas wie ein anderer Stern oder zumindest ein Traumurlaub, den kein Tourismusmagazin versprechen kann und der doch, bei näherem Hinsehen, der Welt seichter Frauenmagazine entsprungen scheint.
Das einfache Leben in gemächlichem Rhythmus, die Arbeit im Blumenladen, die ihr Freude bereitet, ein Alltag losgelöst von den Alltäglichkeiten am heimischen Herd. Selbstverständlich schickt ihr der Gatte einen Privatdetektiv hinterher. Der ist dick und eigentlich nur durch ausgedehnte Krimilektüre kompetent. Der Klamauk, den Giuseppe Battiston in dieser Rolle verbreitet, hält sich in Grenzen.

Überhaupt hält sich in diesem Film alles in Grenzen, oder: Es ist ein Film der leisen Töne. Reichlich Zwischenmenschliches breitet sich aus, exzentrische und weniger exzentrische Menschen haben ihre Geschichten zu erzählen, lose vernetzen sich ihre Biographien, was weitaus angenehmer zu verfolgen wäre, wenn nicht die dümmliche Dramaturgie von Brot und Tulpen ihrer Entfaltung immer wieder Grenzen setzte.

Ähnliches läßt sich auch von der Kameraführung (Luca Bigazzi) sagen: unspektakulär und unaufdringlich bildet sie das Geschehen ab, und immerhin: daß sie einen solchen Schauplatz wie Venedig nicht postkartenkitschig ausschlachtet ist eine nicht gering zu schätzende Leistung. An ihrer pittoresken Topographie sind schon ganz andere gescheitert, denkt man beispielsweise an den unsäglichen Toskana-Kitsch von Bertoluccis Stealing Beauty. Doch entgeht der Kamera wie dem Film dabei einiges, das wichtigste vielleicht: der Blick auf die Dinge und Menschen jenseits der Handlung, und Regisseur Silvio Soldini fallen wenig Bilder oder Szenen ein, die in Erinnerung bleiben könnten. Gelegentlich finden sich wenigstens Traumsequenzen, die weder durch Filter noch sonstigen Schnickschnack gekennzeichnet werden, aber auch der Schauplatz ändert sich nicht: Traumsequenz bedeutet hier: Personen, die »real« nicht im Raum sind, erzählen etwas.

Schließlich ist da noch Bruno Ganz, ganz und gar ein leiser Star dieses Films. Verschlossen und fremd ist sein Kellner Fernando, der aus Island kommt und sein Italienisch vor allem aus Ariosts »Orlando furioso« bezieht. Ein angenehmes literarisches Versteck für den Theaterschauspieler Ganz, der aus diesem sicheren Korsett heraus die vielleicht spannendste, auf jeden Fall merkwürdigste Figur dieses Films entwickelt, die trotz ihres ganz und gar erfundenen Charakters am wenigsten erfunden zu sein scheint. 1970-01-01 01:00

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